17. IndustrieKulturAbend: Motoren- und Fahrzeugbau aus Ludwigsfelde

Exkurs zu 80 Jahren bewegter Industriegeschichte

[GTIV, 26.06.2017] Das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv (BBWA) und der Kooperationspartner für Brandenburg, die Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg, widmeten den inzwischen 17. Abend der Industriegeschichte – u.a. mit Unterstützung der GTIV – dem Produktionsstandort Ludwigsfelde sowie der Mobilitätskultur im Osten und Westen Deutschlands zur Zeit der Teilung. Als Referenten standen hierzu Manfred Blumenthal vom Verein Freunde der Industriegeschichte Ludwigsfelde und die Leiterin des Stadt- und Technikmuseums Ludwigsfelde, Ines Krause, sowie Marcel Bürger vom Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) bereit.

Epochale Gesamtzusammenhänge darstellen!

In seiner Begrüßung ging BBWA-Geschäftsführer Björn Berghausen M.A. auf den Umstand ein, dass sich dieses Veranstaltungsformat seit nunmehr sechs Jahren der Industriekultur vor allem in Berlin und Brandenburg widmet.
Die Definition der „Industriekultur“ gehe zurück auf das Jahr 1989 – demnach gehe es nicht allein nur um die baulichen Zeugnisse ehemaliger Industriestandorte, sondern um die Gesamtzusammenhänge jener Epoche. Es gelte, den Bogen aus der Vergangenheit über die Gegenwart möglichst in die Zukunft zu schlagen.

80 Jahre Industriegeschichte

Krause, seit 1994 Museumsleiterin, übernahm die einleitenden Worte: In ihrem Museum habe man gezielt alle wesentlichen Industriezeugnisse der jeweiligen Epochen zusammengetragen, um insgesamt 80 Jahre Industriegeschichte darstellen zu können. Sie ging auch auf die dunkle Stelle in der Geschichte dieses anfangs dem Flugzeugmotorenbau dienenden Standortes ein, der ein Außenlager des KZ Ravensbrück hatte.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der Flugmotorenbau wieder eine bedeutende Rolle spielen: Doch die Produktion der Strahltriebwerke für das ambitionierte DDR-Flugzeugprojekt „Baade 152“ fand ein jähes Ende, nachdem ein Prototyp bei einem Testflug abgestürzt war.

Wechselhaftes Portfolio: Motoren, Motorroller, LKW

Unter dem Motto „Antriebe und Fahrzeuge aus Ludwigsfelde“ ging Blumenthal zunächst auf die Geschichte des Ortes ein – dieser war 1733 gegründet worden und erhielt 1841 eine Haltestelle der Anhaltinischen Eisenbahn. Um 1900 hatte Ludwigsfelde rund 100 Einwohner.
Das NS-Regime forderte schon früh von den Rüstungsbetrieben eine „Schattenfertigung“ – und so wählte Daimler-Benz 1934 das benachbarte Genshagen für die parallele Flugmotorenproduktion zu Berlin-Marienfelde aus. 1935 wurden dort fast vier Quadratkilometer Wald gekauft und mit dem Bau der Werksanlagen begonnen. Im Februar 1939 wurde der erste Motor gefertigt – als Ziel galten 1.000 Stück monatlich. Bei einem massiven Luftangriff der Alliierten mit 171 Bombern wurden 1.112 500-kg-Bomben nebst 2.301 Brandbomben abgeworfen.
In der SBZ, in den Jahren 1945-48, kam es zur Demontage von Produktionseinrichtungen und zur Sprengung der Werkhallen. 1948 wurde das „Haupt-Reparatur-Werk“ für KFZ in verbliebenen Räumlichkeiten eröffnet, um aus Schrott und Einzelteilen wieder funktionsfähige Fahrzeuge zu erstellen.
Zu frühen DDR-Zeiten, 1952, wurden Schiffsdieselmotoren für Torpedoschnellboote der „Seepolizei“ (Vorläuferin der NVA-Marine) gebaut, aber ab 1954 widmete man sich der Konsumgüterindustrie: Statt der Schiffsdieselmotoren wurden nun Seitenbordmotoren, Innenbordmotoren, Rennmotoren sowie Fahrradhilfsmotoren produziert. Schon 1953 war die Rollerfertigung („IWL Pitty“) aufgenommen worden. 1954 ging ebenfalls die „Dieselameise“ (Vorläuferin des „Multicar“) in Produktion, von der bis 1957 ca. 1.450 Stück gefertigt wurden. Vom Vielzweck-Lastkraftwagen „IFA W50“ sollen bis 1990 insgesamt gut 590.000 Stück hergestellt worden sein, von denen fast 72 Prozent exportiert wurden – in 53 Staaten. Dessen Nachfolgemodell, der „L60“, sollte 1990 eigentlich mit einem neuen Führerhaus von Mercedes ausgestattet werden, aber der Absatzmarkt brach in Folge der Währungsunion ein, so dass es dann davon nur ein Exemplar gab.
1991 wurde mit der Lohnfertigung als Montagebetrieb für Mercedes-LKW und -Großtransporter begonnen („Vario“ 1996-2013 und „Sprinter“-Klasse).

Der Motorroller als „klassenloses Gefährt“

Bürger, Doktorand am KIT in Karlsruhe, knüpfte in seinem Vortrag an die Motorrollerproduktion an: Er erläuterte seine wissenschaftliche Untersuchung zur Entwicklung des Motorrollers in der DDR im Vergleich zur Bundesrepublik.
Er beleuchtete dabei die Technik, die zum Bau verwendeten Materialien und grenzte die Entwicklung im Vergleich zum Auto ab. Man habe sich des „Konzeptes der angepassten Technik“ bedient: Über die Invention bzw. Innovation sei man zur Modifikation gelangt. Vergleichsschwerpunkte seien Konstruktion und Produktion sowie Konsumtion.
In der DDR sei der Motorroller als „klassenloses Gefährt“ propagiert worden, denn Individualmobilität habe bis 1953 als Widerspruch zum „sozialistischen Wesen“ gegolten. Der „IWL Pitty“ und der „IWL SR59 Berlin“ seien gewissermaßen eine ideale Kompromisslösung für „verhinderte Autofahrer“ gewesen. Mangelbedingt habe sich in der DDR eine eigene „Reparaturkultur“ herausgebildet – so seien ausgemusterte Motorroller z.B. einer Zweitverwertung als Eigenbau-Traktor zugeführt worden.

Weitere Informationen zum Thema:

Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv e.V.
Fahrzeuge aus Ludwigsfelde

Stadt- und Technikmuseum Ludwigsfelde
Industrie und Technik aus Ludwigsfelde hautnah erleben

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