18. IndustrieKulturAbend im Spannungsfeld 1919-2019 und Zeichen ambitionierter Visionen

Von der Bötzow-Brauerei zum ottobock Future Lab

[GTIV, 26.11.2017] Die von 1864 bis 1945 existierende Brauerei Julius Bötzow im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg galt als die größte Berliner Privatbrauerei ihrer Zeit – der zugehörige Biergarten bot 6.000 Besuchern Platz. So war der 18. IndustrieKulturAbend des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs (BBWA) in Kooperation mit dem Verein für die Geschichte Berlins, gegr. 1865 (VfdGB), unterstützt u.a. von der GTIV, am 10. November 2017 diesem über 30.000 Quadratmeter großen Gelände gewidmet – es ging um die Historie dieser herausragenden Stätte und um den gerade in Realisierung befindlichen Masterplan zum Jubiläum der Firma Otto Bock.

Verleihung des Preises für Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsgeschichte

Zu Beginn des Abends, zu Gast bei der IHK Berlin, wurde der Preis für Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsgeschichte an Anna Rosemann verliehen. Ihre preisgekrönte Masterarbeit entstand im Zuge ihres Studiengangs Europäische Kulturgeschichte an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und trägt den Titel „Zander & Labisch (1895-1939) – Eine Fotoagentur zwischen Moderneentwicklung und NS-Kulturpolitik“. Rosemann erhielt ein vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e.V. (VBKI) dotiertes Preisgeld – zudem soll ihre Arbeit „in geeigneter Form veröffentlicht“ werden. Udo Marin, Geschäftsführer des VBKI, zeigte sich begeistert und kündigte an, dass das Preisgeld künftig erhöht werden soll.
In seinem Grußwort betonte Klaus Wowereit, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, die Notwendigkeit, die wichtige Arbeit des BBWA weiter zu unterstützen. Stellvertretend für die Jury hielt Prof. Dr. Dorothee Haffner (HTW Berlin) die Laudatio: In der Arbeit wurde die Geschichte einer sehr erfolgreichen Fotoagentur behandelt, deren Inhaber jüdischer Herkunft waren, was dann 1938 im NS-Staat auch zu deren Verbot führte. Neben der Pioniertat, als erste tagesaktuelle Pressefotos anzubieten, standen später auch Industriefotos zur Abbildung der Industriekultur im Fokus. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Porträtfotos und Ablichtungen Prominenter hinzu. Die gewonnenen und dokumentierten Erkenntnisse Rosemanns gingen weit über das Niveau einer regulären Masterarbeit hinaus, so Haffner.

Von Berlin über Königsee nach Duderstadt…

Prof. Hans Georg Näder, „President and Chief Executive Officer“ der Otto Bock Holding GmbH & Co. KG mit Sitz in Duderstadt im niedersächsischen Teil des Eichsfeldes, stellte den geschichtlichen Hintergrund des Unternehmens dar – von der Gründung 1919 in Berlin über den Umzug der Produktion nach Königsee in Thüringen 1920, den Neuanfang nach 1946 im südniedersächsischen Duderstadt bis hin zu der abermaligen Hinwendung nach Berlin nach der Einheit. Er berichtete, dass der Rückkauf des Berliner Stammgeländes an der Köpenicker Straße in Kreuzberg nicht gelang und er eher durch Zufall auf das weitgehend brachliegende Gelände der ehemaligen Bötzow-Brauerei stieß.
Der Schwerpunkt Orthopädietechnik sei auf die Notwendigkeit zurückzuführen, dass nach dem Ersten Weltkrieg sehr viele kriegsversehrte Soldaten Hilfe durch Prothesen benötigten.
2009 – zur Feier des 90-jährigen Firmenjubiläums – wurde das neu gebaute Science Center Medizintechnik in der Ebertstraße eingeweiht und gilt als Hauptstadtrepräsenz, in der eine öffentlichen Ausstellung gezeigt und Kongresse sowie Seminare veranstaltet werden. Man sei in 57 Staaten aktiv.
Professor Näder betonte, dass gerade in Zeiten, in denen z.B. SIEMENS Tausende entlässt, der Fokus der Aufmerksamkeit auf die KMU und Familienunternehmen gelegt werden sollte – es gebe unter ihnen zahlreichen „hidden champions“ mit Weltmarktführung in Nischenbereichen.

Alte Steine, High Tech und Kunst

In Prenzlauer Berg habe es damals – um 1900 – 14 Brauereien gegeben. Bötzow habe die modernste Technik seiner Zeit eingesetzt. Näder versprach eine Wiederbelebung des berühmten Biergartens und stellte einige Ideen für die neue Nutzung des Geländes vor:
Im Rahmen eines Masterplans soll demnach ein „Future Lab“ bis zum Frühjahr 2018 entstehen, welches aber die Geschichte der Stätte erkennen lässt – dabei sei Denkmalschutz „Lust, keine Last!“, denn es gelte in Generationen zu denken. In diesem Komplex sollten „Visionen“ gelebt werden: Ein thematischer Schwerpunkt werde die Digitale Transformation sein. Die Abteilungen für Strategie sowie Forschung und Entwicklung u.a. würden künftig dort aktiv werden. Berlin sei ein „Attraktor für eine junge Belegschaft“ – Berlin sei eben hochinteressant und quasi als Marke etabliert.
Mit dem Dreiklang „alte Steine, High Tech und Kunst“ umschrieb Näder seine Idee von Synergie am Standort – aber man setze auch auf „Gesundheitstourismus“. Die Unterwelt der ehemaligen Brauerei werde Wellness-, Unterhaltungs- und Gastronomieangebote bereithalten.

Prof. Hans Georg Näder

Foto: BBWA e.V.

Professor Näder: Berlin ist „Attraktor für eine junge Belegschaft“!

Sehnsucht nach dem „authentischen Unternehmer“

In einem abschließenden, launigen Gespräch mit Prof. Joseph Hoppe vom Deutschen Technikmuseum Berlin stellte Professor Näder auch eine besondere Verbindung zur ursprünglichen Nutzung vor:
Das Bier „Heimatliebe BERLIN BÖTZOW“, gebraut von der Duderstädter Braumanufaktur GmbH & Co. KG, schlage den Bogen von den Ursprüngen des Ortes hin zur zukünftigen Nutzung und zum generationenübergreifenden Selbstverständnis der Inhaberfamilie von Otto Bock (nach dem offiziellen Teil wurde diese Sorte zur Verkostung an die Teilnehmer ausgeschenkt).
Julius Bötzow sei ein „spannender Unternehmer“ gewesen, zudem Marktführer in Berlin und somit ein Vorbild. Es gebe heute die Sehnsucht nach dem „authentischen Unternehmer“, unterstrich Näder zum Abschluss.

Weitere Informationen zum Thema:

Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V.
Bötzow- Brauerei wird neu entwickelt / „Historische DNA“ mit großem Charme für eine visionäre Zukunft

BÖTZOW BERLIN
RAUM FÜR IDEEN

ottobock.
Science Center Berlin

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