20. IndustrieKulturAbend: Mobilität in Berlin im Fokus

Jubiläumsveranstaltung widmete sich Berliner ÖPNV und Industrie-Spaziergängen

[GTIV, 25.11.2018] Am 16. November 2018 fand die Jubiläumsauflage des von der GTIV mitinitierten und bis heute unterstützten IndustrieKulturAbends statt. Durch den Abend führte Prof. Dr. Dorothee Haffner (HTW Berlin), seit sieben Jahren Leiterin des Berliner Zentrums Industriekultur und zudem ein Beiratsmitglied des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs (BBWA). Reinhard Demps referierte über die Erschließung des heutigen Berliner Stadtgebiets mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Kontext der Industriegeschichte und Björn Berghausen stellte das Projekt „Hinter der Fassade – Industriekultur am Stadtrand entdecken“ vor.

Vom Auflugs- zum Berufsverkehr…

Reinhard Demps, Verkehrshistoriker vom Förderverein des Deutschen Technikmuseums, widmete sich der Wechselwirkung zwischen technischem Fortschritt und der damit verbundenen Verlagerung der industriellen Fertigung (z.B. Siemens, Orenstein & Koppel und Borsig) in das damalige Umland der Stadt Berlin einerseits und dessen Besiedelung nebst Erschließung durch den Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) andererseits. In diesem Kontext stellte er Berlin als „Relaisstation des Fernhandels“ zwischen den beiden Brandenburger Höhenzügen Teltow und Barnim dar. Die Stellung der Berliner Verkehrswege sei eine besondere gewesen: Als Folge des „Berliner Unwillens“ (1440er-Jahre) seien diese der Aufsicht des Landesherrn unterstellt worden.
Er schlug sodann den Bogen von der Betriebsaufnahme der Berlin-Potsdamer Eisenbahn (1838) und der ersten Fernbahn (1846) über die Einführung des Pferde-Omnibusses (1847) bis zur baulichen Trennung des Vorort- und Fernverkehrs in den 1880er-Jahren. Seien die Öffentlichen Verkehrsmittel zunächst eher dem Ausflugsverkehr dienlich gewesen, habe sich ihre schwerpunktmäßige Bedeutung hin zum Massen-Transportmittel für den Berufsverkehr verlagert, wofür dann auch Sondertarife eingeführt worden seien.
Als weitere „Meilensteine“ der Entwicklung führte Demps die Berliner Gewerbeausstellung von 1896 an, auf der Siemens die erste elektrische Lokomotive vorstellte, den Zweckverband Groß-Berlin (1912-1920) als Vorläufer der Eingemeindung des damaligen Berliner Umlandes und die Betriebsaufnahme der neu geschaffenen BVG im Jahr 1929. Einige der damaligen Randgemeinden der neuen Großstadt hätten zuvor sogar auf eigene Kosten Straßenbahnlinien gebaut und diese dann mit der Maßgabe, durchgehende Linien zu schaffen, den jeweiligen Netzbetreibern übereignet.

7 „Industriespaziergänge“ zu Stätten mit überregionaler Bedeutung

Über eine besondere Form der Mobilität – zu Fuß und ggf. auch per Fahrrad – sprach im Anschluss BBWA-Geschäftsführer Björn Berghausen: Er stellte das Projekt „Hinter der Fassade – Industriekultur am Stadtrand entdecken“ vor, wobei es sich um durch das BBWA konzipierte und kostenlos durchgeführte historische „Industriespaziergänge“ am Standort Reinickendorf handelt. Ehrenamtlich Aktive erforschen in diesem Stadtteil ausgewählte Straßenzüge hinsichtlich ihrer Industriegeschichte – fokussiert wird dabei auf Liegenschaften, Persönlichkeiten und Produkte, welche in besonderer Weise für die lokale Wertschöpfung in ihrer Zeit stehen.
Zwei Touren seien bereits fertiggestellt und schon erprobt worden. Tour I führt demnach durch Alt-Reinickendorf „Vom Bauernhof zum Industriestandort“ und Tour II zu „Hidden Champions“ in der Roedernallee. Es seien fünf weitere Touren zu Fuß und eine per Fahrrad in Planung. Zu jeder werde es ein spezielles Faltblatt geben; ferner in Vorbereitung sei die Online-Stellung einer dynamischen Website, damit Interessierte auch alleine die erforschten Straßen erkunden könnten.
Berghausen führte aus, dass die Komplexität des Themas Industriegeschichte sehr spannend sei: Wie bei einem Fraktal könne man beliebig in die Tiefe gehen oder eben auch von einer Meta-Ebene blicken und es bleibe immer eine Vielfalt zurück, die nie ganz erschlossen werden könne und somit immer wieder Neues entdecken lasse… Zwar habe man den Fokus zunächst auf Reinickendorf gelegt, gleichwohl gehe es ihm um die überregionale Bedeutung: Es gelte exemplarische Geschichten anschaulich zu erzählen.

Björn Berghausen, BBWA

Foto: BBWA e.V.

Björn Berghausen: Komplexität des Themas Industriegeschichte sehr spannend!

Weitere Informationen zum Thema:

ARCHIVSPIEGEL, 19.11.2018
Ein lebendiger 20. Industriekulturabend zum Thema “Mobilität für alle”

ARCHIVSPIEGEL, 08.09.2017
Industriespaziergänge – Projekt hat Fahrt aufgenommen

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