21. IKA: Gelebte Industriekultur in Wildau

Wie die Standortverlagerung von Feuerland vor die Tore Berlins einen Kristallisationskern schuf

[GTIV, 04.03.2019] Am 22. Februar 2019 fand der von der GTIV unterstützte IndustrieKulturAbend (IKA) bereits in der 21. Auflage statt. Björn Berghausen, Geschäftsführer des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv e.V. (BBWA), führte durch den Abend und wies vor einem sehr gut besetzten Auditorium mit knapp 70 Zuhörern im Haus für Brandenburgisch-Preußische Geschichte darauf hin, dass es dieses Veranstaltungsformat nunmehr seit 2010 gibt, welches abwechselnd in Berlin und Potsdam stattfindet. Die Themen hätten auch immer eine besondere Beziehung zu der Region, denn die jeweilige industrielle Entwicklung sei sehr entscheidend für die spezifische Wirtschaftsgeschichte. Die heute noch erhaltenen baulichen Zeugen insbesondere der Industrialisierung im 19. Jahrhundert sollten immer in ihrer Wechselwirkung zum Ort betrachtet werden – in diesem Zusammenhang komme auch der heutigen Nachnutzung große Bedeutung zu. Der IKA schlage mit seinen Rückblicken, Zustandsbeschreibungen und dem Aufzeigen von Visionen die Brücke aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft.

Was in Wildau endete, nahm seinen Anfang nordöstlich des Oranienburger Tores

Dr. Susanne Kill, Deutsche Bahn AG, ging in ihrem Vortrag „Lokomotiven aus Wildau – Die Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft vormals L. Schwartzkopff“, den Bogen vom sogenannten Feuerland nach Wildau schlagend, auf die bemerkenswerte Unternehmensgeschichte und insbesondere die Persönlichkeit des Gründers ein.
Zur Einstimmung zeigte sie das sehr bekannte Bild Carl Eduard Biermanns: „Borsig’s Maschinenbau-Anstalt zu Berlin“ von 1847 (heute im Besitz der Stiftung Stadtmuseum Berlin). Borsigs damalige Maschinenbau-Anstalt ist ein prominentes Beispiel für das im Volksmund „Feuerland“ genannte Gewerbegebiet, welches wesentlich von den Unternehmern Schwartzkopff, Borsig, Egells und Wöhlert geprägt wurde.

Unternehmensgründung im Jahr 1852

Der 1825 in Magdeburg geborene Louis Schwartzkopff lernte bei seinem Besuch der Gewerbeschule die Siemens-Brüder kennen und soll auch bei Werner Siemens Mathematikunterricht erhalten haben. Nach seinem Umzug nach Berlin besuchte er 1842 bis 1845 das von Wilhelm Beuth gegründete Gewerbeinstitut Berlin.
Anschließend unterzog er sich einer praktischen Ausbildung bei Borsig, arbeitete kurzzeitig als Lokomotivführer, dann als Maschinenmeister der Magdeburg-Wittenbergischen Eisenbahn. Am 3. Oktober 1852 schließlich gründete er gemeinsam mit dem Gießereimeister Nitsche die Eisengießerei und Maschinenfabrik Schwartzkopff und Nitsche, welche 1870 in die Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft vormals L. Schwartzkopff (BMAG) umfirmiert wurde, denn die beiden Partner hatten sich sich schnell, d.h. bereits im Jahr 1853, wieder getrennt, so dass Schwartzkopff zum Alleininhaber wurde. Mit der Umwidmung in eine AG sollte dann dem permanenten Kapitalmangel des Unternehmens begegnet werden. 1870 konnte bereits die Auslieferung der 100. Lokomotive erfolgen – aber es wurden u.a. auch Dynamos, Motoren, Transformatoren und Schaltanlagen produziert.

Umzug aus Feuerland in die Gartenstadt Wildau

Mit dem Wachstum Berlins kam es zur „Randwanderung“ der Industrie. Auch die BMAG war davon betroffen – und zog in das heutige Wildau. Das Fabrikgelände sowie Wohnungen und Häuser der Belegschaft bildeten gewissermaßen den Keim für die heutige Stadt Wildau. Architektonisch fühlte man sich dem Gedanken der „Gartenstadt“ verpflichtet.
In beiden Weltkriegen diente die BMAG der Rüstungsproduktion – hergestellt wurden u.a. Torpedos und die sogenannte Kriegslok der Baureihe 52 (1943). 1945 brachten dann Enteignungen und Demontage über das Werk in Wildau, womit die Fertigung von Lokomotiven ihr Ende fand.

Nachnutzung: Von Demontage-Brache zum nachgefragten Gewerbestandort

Dr. Frank Seeliger, Hochschulbibliothek TH Wildau, beleuchte im zweiten Vortrag des Abends die industriekulturelle Nachnutzung des Werksgeländes und der Fabrikgebäude in Wildau. Er unterstrich aber eingangs die Bedeutung des Orts für die Ansiedlung: Die nahe gelegene Dahme erleichterte die Belieferung mit Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen, außerdem lag der Ort an der Eisenbahnlinie Berlin-Cottbus-Görlitz. In der Blütezeit seien 3.000 bis 4.000 Arbeiter in Wildau beschäftigt gewesen.
In der Sowjetischen Besatzungszone kam es zu Demontagen sowie Abrissarbeiten an Fabrikhallen. Zu DDR-Zeiten entstanden in Wildau der VEB Schwermaschinenbau „Heinrich Rau“, eine Poliklinik und eine Ingenieurschule, aus der dann die heutige TH Wildau hervorging.

Starke Nachfrage: Komplette Auslastung des Geländes absehbar

Mit der Wiedervereinigung kam es zur denkmalgerechten Sanierung der Siedlung und zur Umwandlung des Industriegeländes in einen Gewerbepark – der TH Wildau wurden die Industriehallen 10, 14 und 16 zur Nachnutzung überlassen.
Heute gebe es rund 100 Unternehmen auf dem Werksgelände neben der TH. Seit 2013 sei Wildau auch offiziell eine Stadt. Eine komplette Auslastung des Geländes sei inzwischen absehbar – der Fokus liege vor allem auf Zukunftstechnologien, so z.B. Luft- und Raumfahrttechnik. Seeliger lud ein, sich vor Ort selbst ein Bild von dem industriekulturellen Erbe zu machen – an Werktagen könnten alle TH-Gebäude besichtigt werden.

21. IKA Potsdam, Gruppenfoto

Bild: Dirk Pinnow

v.l.n.r.: Dr. Frank Seeliger, Björn Berghausen M.A. und Dr. Susanne Kill

Weitere Informationen zum Thema:

ARCHIVSPIEGEL, 28.02.2019
Von Feuerland nach Wildau

MUSEUMSPORTAL BERLIN
Feuerland / Fabrikalltag bei Borsig

BERLINER MASCHINENBAU-A.G. VORMALS L. SCHWARTZKOPFF
Im Jahre 1900 begann der Lokomotivbau in Wildau

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