Berliner Stadtkern: Heilung der klaffenden Wunde im Selbstverständnis setzt menschlichen Maßstab voraus

Beobachtungen und Anmerkungen anlässlich der ersten Präsentation der Planungsgruppe „Stadtkern“ des Bürgerforums Historische Mitte Berlin

von GTIV-Präsident Dirk Pinnow

[GTIV, 28.04.2012] Im Berliner Selbstverständnis klafft auch über zwei Dekaden nach der Wiedervereinigung eine offenen Wunde – dort wo Berlins Gründungskern liegt, breitet sich eine gigantische Freifläche aus, vom Bahnhof Alexanderplatz vorbei am Fernsehturm bis hin zu Schlossplatz. Diese mit etwas Begrünung aufgehübschte Leere gibt Zeugnis von der gestörten Selbstwahrnehmung der Berliner Gesellschaft, aber auch von den brutalen Brüchen einer destruktiven Geschichte, in der das menschliche Maß verlorenging. Wäre es nicht an der Zeit, dieses menschliche Maß wiederzufinden? War es nicht die „Berliner Mischung“, die nicht nur eine soziale Vielfalt beförderte, sondern auch eine Mischnutzung in Form des Lebens und Arbeitens im lokalen Zusammenhang? Mag auch die Ödnis damaliger DDR-Hauptstadtplanung nicht mehr so kalt und grau wirken wie bis 1989/90, weil mit der Wiedervereinigung eine Überlagerung mit den Abgründen westlicher Konsumherrlichkeit erfolgte, die selbstverliebte Herrlichkeit viel zu spät verschiedener TäTäRä-Hauptstadtseligkeit heute eine perfide Symbiose mit globalisierter „togo“-Unkultur eingegangen ist, bleibt das Umfeld des Fernsehturms bis hin zum Spreeufer ein schmerzendes Mahnmal für die Selbstentleibung Berlins.
Wenn man mich fragte, was mein Masterplan für die Berliner Altstadt sei, wäre ich geneigt, auf ein Poster in meinem Wohnzimmer zu verweisen – den „Luftbildplan vom Berliner Stadtkern 1920“… Nun, nur mal so, um mit etwas Polemik die Diskussion aus den seichten Gewässern heraus zu lotsen und nicht immer nur um den „heißen Brei“ zu kreisen, Dekade um Dekade… Um jetzt aber richtig verstanden zu werden: Es geht mir nicht darum, dem aus der Berliner Geschichte sattsam bekannten Abrisswahn zu huldigen und es dem mit Recht in alle Ewigkeit verdammten Stadtvergewaltigungsprogramm nationalsozialistischer „Germania“-Idiotie oder kleingeistiger Baufeldräumung der SBZ-Möchtergernkapitale gleich zu tun! Zwar im Westteil aufgewachsen, habe ich mich nie als „WB“-ler, sondern immer als Berliner verstanden (ich werde alles mir Mögliche tun, um auch noch die restlichen mentalen Altlasten insularer „Westberliner“ Laubenpieper-Wehleidigkeit endgültig in die Geschichte zu verabschieden). Daher sind die herausragenden materiellen Zeugnisse der DDR-Geschichte, wie insbesondere der Fernsehturm und das Staatsratsgebäude selbstverständlich dauerhaft zu erhalten und in alle Konzepte für die künftige Gestaltung des reurbanisierten Stadtkerns zu integrieren! Aber muss denn jedes architektonische Gebrechen, das man so auch in vielen westdeutschen Provinzstädten findet und bei genauer Betrachtung gar nicht so einzigartig und typisch für die DDR-Geschichte ist, in den Schonraum stellen? Wer jetzt nicht verstehen kann oder will, was ich damit meine, möge sich bitte mal eine Weile in Düsseldorf, den Städten des Ruhrgebiets oder in Kölner Vororten aufhalten – demjenigen wird es dann, so denn die Wahrnehmung nicht dauerhaft beschädigt ist, wohl überall in Berlin gefallen…
Um jetzt ganz deutlich zu werden: Am Fundort des Alten Rathauses befinden sich nicht nur ein paar x-beliebige steinerne Relikte, sondern dort ist der ideelle Kristallisationspunkt der Stadt Berlin! An diesem Ort trafen Verwaltung, Handel & Wandel (s. Tuchhalle) und Gerichtsbarkeit (s. Gerichtslaube) aufeinander, dort kreuzten sich Handelswege, begegneten sich Menschen aus Nah und Fern, wurden Waren feilgeboten, aber eben auch Nachrichten und Ideen, wurde gar Wissen ausgetauscht und handwerkliches Können gelebt und gelehrt. Deshalb ist dieses Thema nicht nur eine Angelegenheit für Historien- und Heimatvereine, sondern auch für die von mir gegründete GTIV e.V., eine Gesellschaft, die sich für den Erhalt und den Transfer von Wissen und Können in der mittelständischen Wirtschaft, in der kulturellen Wertschöpfung und in der Wissenschaft engagiert.
Als Beobachter nahm ich am 23. April 2012 an der Präsentation der Planungsgruppe „Stadtkern“ des Bürgerforums Historische Mitte Berlin teil – erste Ergebnisse ihrer bisherigen Arbeit wurden einer Gruppe von Experten und Repräsentanten kooperierender bzw. sympathisierender Institutionen vorgestellt. Bemerkenswert und festzuhalten ist die Stellungnahme von Prof. Hildebrand Machleidt, wonach am Anfang der Umgestaltung des Stadtzentrums eben kein Abrissplan stehen solle, sondern ein konstruktiver Ansatz gefragt sei, der auch Vorhandenes ggf. integrieren sollte. Professor Machleidt warnte eindringlich davor, in ein „Reizklima des Rechthabenmüssens“ zu verfallen – und nahm damit Bezug auf eine aktuelle Aussage Martin Walsers zum Spannungsfeld zwischen Freiheit und Meinung.
Der bekannte Publizist, Historiker und Journalist Michael S. Cullen warf dankenswerterweise die kritische Frage nach der Berücksichtigung des Menschen im Kontext der Fokussierung auf Gebäude und Verkehrsströme auf. Er sprach sich für eine kleinteilige Nutzung des reurbanisierten Stadtzentrums aus – erst kleine Geschäfte und Gastronomiebetriebe würden es beleben, ein Leben und Arbeiten auf engem Raum ermöglichen. Er warnte davor, nur eine „Fassade“ zu errichten, die keine Urbanität schaffen würde. Dipl.-Ing. Peter Westrup, ein aus Frankfurt/Main nach Berlin zugewanderter Architekt, machte sich ebenfalls für die typische europäische Stadtstruktur stark – d.h. das Leben und Arbeiten im engen räumlichen Kontext (früher oft in einem Gebäude) wieder herzustellen. Die Moderne habe erst zur Aufsplitterung dieser beiden Lebensbereiche geführt und dadurch „Monokulturen“ im Stadtbild geschaffen, so Westrup. Horst Peter Serwene als ein Repräsentant der Gesellschaft Historisches Berlin e.V. (GHB) machte deutlich, dass städtische Plätze „Ankerpunkte“ darstellten; in Berlin seien eben z.B. der Molkenmarkt und der Neue Markt verlorengegangen. Es stelle sich die Frage, was die Moderne der Stadt dafür geliefert habe – „keine Urbanität“, gar „Chaos“, so seine Antwort. Dr. Peter Lemburg führte im Zusammenhang mit dem Faktor „Mensch“ aus, dass die Anwohner der zu reurbanisierenden Orte mit „ins Boot“ genommen werden müssten – vorhandene Ängste vor einer Umgestaltung des bisher Vertrauten sollten ernstgenommen werden. Für die Anwohner seien daher die Foren zur Mitwirkung zu öffnen, so Dr. Lemburgs Rat. Dr. Manfred Uhlitz betonte den damaligen Charme der Stadtstruktur im Umfeld des Schlosses – die Häuser der Bürger und Handwerker hätten in bemerkenswerter räumlicher Nähe zum Schloss gestanden.
Mehrfach wurde unterstrichen, dass die heutige „Große Leere“ nicht bleiben dürfe. Prof. Dr. Harald Bodenschatz etwa empfahl, die Bedeutung des Stadtkerns für die Entwicklung der expandierenden Gesamtstadt Berlin zu untermauern. In Berlin sei das Zentrum derzeit eigentlich überwiegend ein „Transitraum“ für den Individualverkehr per PKW. Man müsse bei der Planung die städtische Vernetzung über diesen „leeren Raum“ hinaus beachten, so Professor Bodenschatz. Nachdenklich stimmte Professor Machleidts mahnende Aussage am Beispiel der Hansestadt Lübeck – die dortige Altstadt mache vielleicht zwei bis drei Prozent der gesamten Stadtfläche, aber „90 Prozent der Identität“ aus.
Dr. Benedikt Goebel unterstrich die Bedeutung des Tagungsortes – die Heilig-Geist-Kapelle in der Spandauer Straße sei einst bereits für den Abbruch bestimmt gewesen, dann aber durch Bürgerengagement gerettet worden. Er warf er die Frage auf, ob Berlin immer nur verdammt sei, zu werden statt zu sein. Damit nahm er Bezug zu der berühmt-berüchtigten Aussage Karl Schefflers über das tragische Schicksal, das Berlin dazu verdamme, „immerfort zu werden und niemals zu sein“. Scheffler, Kunstkritiker und Publizist, habe einst halb Berlin abreißen wollen – sein Diktum nun sei Rechtfertigung für die damalige Stadtzerstörung und heute für den krampfhaften Erhalt des Bestehenden, kritisierte Dr. Goebel. Wir seien heute indes keinem Stadt-Schicksal ausgeliefert; wir müssten es nur besser machen als die Generationen zuvor, betonte er. Im Stadtzentrum gebe es momentan fast nur öffentlichen Raum – die einst für Berlin übliche Durchdringung mit Privatem fehle weitgehend. Ihm gehe es dabei keineswegs um eine „Verteufelung“ des Bestehenden; es seien jeweils im konkreten Fall detaillierte Untersuchungen und Planungen erforderlich. Die Arbeit der Planungsgruppe stehe daher auch unter der Zielvorstellung „Kernstadt Berlin 800“ – also 25 Jahre Planung bis 2037.

Weitere Informationen zum Thema:

Berliner Partner, 28.04.2012
Reurbanisierung Berlins: Der Mensch mit seinem Leben und Arbeiten im Fokus der Planung / Planungsgruppe „Stadtkern“ des Bürgerforums Historische Mitte Berlin präsentierte erste Ergebnisse

GTIV, 09.09.2011
Die Zukunft der Altstadt in der Diskussion: 4. Bürgerforum Historische Mitte Berlin setzt auf Bürgerbeteiligung / Notizen von GTIV-Präsident Dirk Pinnow vom Vortragsabend am 6. September 2011 in der Heilig-Geist-Kapelle

GHB, Juni 2009
Horst Peter Serwene: Das Marienviertel

GHB, Juni 2009
Horst Peter Serwene: Das Klosterviertel

Berliner Historische Mitte
Förderverein zur Wiedergewinnung des alten  Stadtkerns

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