Der Deutsche Film: Ein Auf und Ab im Wechselspiel der Mediengeschichte

8. IndustrieKulturAbend widmete sich der UFA und der regionalen Filmwirtschaft

[GTIV, 27.01.2014] Als Vorsitzender des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs e.V. (BBWA) eröffnete Prof. Dr. Klaus Dettmer am 17. Januar 2014 den achten Abend zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg – und zugleich den ersten im Land Brandenburg. Im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Am Neuen Markt in Potsdam, unweit des neuen Landtagsgebäudes, widmete sich das BBWA, diesmal in Kooperation mit der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V., der Rolle der Filmwirtschaft insbesondere am Beispiel der UFA für die Region.

„Die UFA als Wirtschaftsunternehmen“

Dr. Rolf Giesen, Filmwissenschaftler, Filmjournalist und Sachbuchautor, näherte sich der UFA in unerwarteter, erfrischender Weise – die strikte Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hob er geschickt auf. Die UFA sei Teil der deutschen Geschichte und der Zukunft – aber, als sie 1917 gegründet wurde, sei der Europäische Film eigentlich längst tot gewesen… Den Ersten Weltkrieg stellte Dr. Giesen auch als ein Fiasko für die kontinentale Filmwirtschaft dar, denn zuvor sei Europa noch weltweit tonangebend gewesen, doch dann sei die Gunst in den USA genutzt worden, in Los Angeles den multikulturellen Film für den Weltmarkt zu etablieren.
Das heute fast synonym für die UFA stehende Filmwerk „Metropolis“ von 1927 sei übrigens unverhältnismäßig teuer gewesen und habe damals wenig Erfolg gehabt. Er stellte auch die ernüchternde Motivation zur Gründung der UFA heraus – deutsche Propaganda im Ersten Weltkrieg. Aus dem von der Obersten Heeresleitung Anfang 1917 eingerichteten Bild- und Filmamt (Bufa) wurde schließlich die UFA, die Universum-Film AG als Zusammenschluss privater Filmfirmen. Als Investoren hätten sich u.a. die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und AEG beteiligt.
Technischer Fortschritt kann sich fördernd und hemmend für ein bestimmtes Medium im Laufe seiner Geschichte auswirken – so sieht Dr. Giesen eine enge Verbindung zwischen der Ausbreitung der Eisenbahn und dem damit verbundenen Mobilitätsrausch einerseits und der Begeisterung für den frühen Film und dessen rasanten Dynamik andererseits. Aber 1922/23 seien durch den technischen Fortschritt zu Schicksalsjahren des Deutschen Films geworden – am heutigen Adenauerplatz habe man das mit dem in Berlin entwickelten Lichttonfilmverfahren gedrehte Werk „Das Leben auf dem Dorfe“ uraufgeführt. Offenbar zunächst ohne großen Erfolg, dann man habe das „Sprechfilm“-Patent schließlich leichtfertig in die USA verkauft. Der Tonfilm sei der erste „Würgegriff“ für den Deutschen Film gewesen, die NS-Propaganda später der zweite. Allerdings sei mit der Verbreitung des Rundfunks auch eine allmähliche Gewöhnung an Sprachübertragung auf Kundenseite erfolgt, so dass die Akzeptanz für den Tonfilm gewachsen sei.
Der erzkonservative Alfred Hugenberg, bei der Gründung noch von der Obersten Heeresleitung übergangen, hatte 1927 die schwer angeschlagene UFA übernommen. Hugenberg habe bereits vor der NS-Machtübernahme eine Art Gleichschaltung betrieben, so Dr. Giesen. Einen zweifelhaften Triumph habe die UFA im Zweiten Weltkrieg erfahren, als die meisten europäischen Kinos unter deutscher Besatzung eben deren Filme aufführte. Zu dieser Zeit sei „UFA“ das Synonym für den Deutschen Film gewesen und habe gar so renommierte, einst selbständige Filmfirmen wie BAVARIA und TOBIS umfasst – die damalige UFA-Produktionsplanung habe übrigens bis ins Jahr 1950 gereicht. Unter den Sowjets sei dann in der SBZ aus den UFA-Resten die DEFA entstanden (später zu DDR-Zeiten ein Netzwerk volkseigener Betriebe), während im Westen die UFA in Liquidation gegangen sei, um dann von einem Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank übernommen zu werden, allerdings ziemlich erfolglos.
Mit der Verbreitung des Fernsehens sei wie einst mit dem Radio ein weiteres als Konkurrenz empfundenes Medium aufgetaucht. Das Gegeneinander sei dann erst später mit der Öffnung der Filmarchive für die Fernsehverwertung zu einem Miteinander geworden. Heute stehe die UFA als Teil der RTL-Gruppe für eine neue Qualität der Virtualisierung, insbesondere durch die Produktion der sogenannten Soap-Operas für das Privatfernsehen. Und wieder erwachse für das Kino mit dem Internet eine Herausforderung, gelte doch das traditionelle Fernsehen als „out“ unter Jugendlichen. Mit der Verlagerung filmischer Formate, zumal mit Interaktivität, stelle sich aber die Frage nach einem tragfähigen Geschäftsmodell – die Player auf diesem Gebiet seien heute noch nicht wirklich zu erkennen. Dr. Giesen erläuterte, dass die bisherigen rund 20 Jahre der Internet-Nutzung noch sehr anarchisch verlaufen seien; vor uns liege eine weitere über Dekaden gehende Entwicklung, die von einem interdisziplinären Dialog und von Freiräumen für die Kreativität geprägt sein sollte.

Foto: Christine Berghausen

Foto: Christine Berghausen

Berlin-Brandenburg heute Deutschlands Filmstandort Nr. 1

„Film als Unternehmung“

Ein eher optimistische anmutendes Bild der regionalen Filmwirtschaft zeichnete Kirsten Niehuus von der Geschäftsführung der Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH. Das Medienboard könne nun auf ein erfolgreiches ersten Jahrzehnt zurückblicken. Die „BERLINALE 2014“ im Februar werde wieder zeigen, dass die Stars gerne in die Region zurückkehrten.
Allerdings machte sie deutlich, dass man eben auf Internationalisierung setzen müsse, denn deutschsprachige Filme ließen sich schwer weltweit vertreiben; deren Fokus liege auf Deutschland (D), Österreich (A) und der Schweiz (CH), der sogenannten „DACH“-Region. Somit sei deren Refinanzierung schwierig. Das Oberhausener Manifest und die heutige Filmförderung basierten auf dieser Erkenntnis. So unterstütze man heute auch kleine Kinos bei der Digitalisierung, um deren Erhalt zu sichern und Film auch als nationales Kulturgut zu pflegen.
Berlin-Brandenburg sei heute Deutschlands Filmstandort Nr. 1 und habe selbst München hinter sich gelassen. Til Schweiger sei es zu verdanken, die „Berliner Komödie“ neu erfunden zu haben. Der Nutzen der regionalen Filmförderung sei evident: Im Jahr 2013 hätten 17 Millionen Deutsche Filme mit Bezug zur Region gesehen, und so sei deren Bekanntheitsgrad gesteigert worden. Die Investitionen lohnten sich auch finanziell – sie schafften vierfachen Nutzen für die Region. Aus zehn Millionen Euro Projektförderung würden so 80 Millionen Euro Umsatz in der Region (im Hotel- und Gaststättenwesen, im Handwerk und Catering etc.). Die Zahlen seien belastbar, denn es erfolge eine genaue Prüfung der Rechnungslegung. Pro Jahr gebe es rund 460 Anträge auf Filmförderung, die von sieben Mitarbeitern geprüft würden. Berlin-Brandenburg sei heute ein global interessanter Standort für Filmproduktionen und die Stars fungierten als Multiplikatoren.

Foto: Christine Berghausen

Foto: Christine Berghausen

v.l.n.r.: Dr. Rolf Giesen, Prof. Dr. Klaus Dettmer und Kirsten Niehuus

Weitere Informationen zum Thema:

ARCHIVSPIEGEL
8. Industriekulturabend / Die UFA und die Filmwirtschaft – Erster Industriekulturabend in Brandenburg

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