Information und Inspiration: 3 IndustrieKulturAbende 2019

Nächste Auflage: „100 Jahre Korsch AG“ mit Preisverleihung am 15. November 2019

[GTIV, 11.11.2019] In der kommenden Auflage der vom Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv e.V. (BBWA) in Kooperation mit dem Verein für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865 (VfdGB) und mit Unterstützung der GTIV u.a. durchgeführten IndustrieKulturAbende (IKA) soll der Frage nachgegangen werden, wie die Wirtschaftsgeschichtsschreibung Berlin-Brandenburgs belebt werden kann und warum ein sogenannter Hidden Champion 100-jährige Geschichte schreiben konnte. Der 1. IKA 2019 – „Von Feuerland nach Wildau“ – fand im Februar in Potsdam statt und beschrieb, wie die Standortverlagerung von „Feuerland“ nach Wildau dort einen industriellen Kristallisationskern schuf. Die 22. Auflage im Juni war der Modemetropole Berlin mit ihren Glanz- und Schattenseiten gewidmet – ein kurzer Rückblick ist nachfolgend wiedergegeben.

23. IKA mit Preisverleihung

Bild: BBWA

23. IKA mit Preisverleihung

15. November 2019, 18.00 Uhr
„Goldberger Saal“ des Ludwig-Erhard-Hauses (IHK Berlin)
Fasanenstraße 85, 10623 Berlin
Faltblatt

Der „Preis für Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsgeschichte“ geht nach BBWA-Angaben an Alwin Cubasch für die im Studiengang „Geschichte und Kultur der Wissenschaft und Technik“ an der Technischen Universität Berlin vorgelegte Masterarbeit mit dem Titel „Zu Gast im Automaten. Gastrotechnik im Berlin der Jahrhundertwende“.
Im Vortragsteil wird die Korsch AG, als mittelständisches Unternehmen ein typischer „Hidden Champion“, vorgestellt. Heute mit zwei Tochterunternehmen in den USA und in Indien Lieferant für Kunden auf der ganzen Welt, lag die Wurzel des Unternehmens bei Emil Korsch, der 1919 eine „Pharmazeutische Fabrik und Handel mit alten Maschinen“ gegründet hatte. Das Unternehmen gilt als Spezialist für die Herstellung von Tablettenpressen für den chemisch-pharmazeutischen Sektor. Wie dieser Berliner Mittelständler in Reinickendorf sich auf dem Weltmarkt 100 Jahre lang durchsetzen konnte und ein solches Jubiläum angemessen feiert, beleuchtet Michael Dillmann von der Agentur Jubeljahr.

Rückblick auf den 22. IKA: „Modemetropole Berlin“

Uwe Westphal, Historiker und Autor von bereits drei Büchern zum Thema Mode in Berlin, widmete sich in seinem Vortrag dem Schicksal jüdischer Konfektionshäuser – sein Anliegen ist es, die Erinnerung an das Wirken der damaligen jüdische Modeschöpfer wachzuhalten, aber auch ihrer Entrechtung und Enteignung zu gedenken.
Sein historischer Exkurs ging zurück in das Jahr 1836. Damals fand gewissermaßen eine Revolution auf dem Gebiet der Bekleidung statt: Vorgefertigte Kleidung wurde vergleichsweise günstig angeboten. Im Umfeld der damaligen Innovatoren, der jüdischen Kaufleute Valentin Manheimer, Herrman Gerson und David Leib Levin, entwickelte sich am Hausvogteiplatz ein regelrechtes Konfektionsviertel. Hunderte Anbieter produzierten dort Kleidung in standardisierten Größen. Die Erfindung der Nähmaschine 1860 brachte einen weiteren Produktivitätsschub. Ab 1880 wurde Konfektionskleidung dann auch in Warenhäusern angeboten.
Nach dem Ersten Weltkrieg, in den 1920-er-Jahren, stand die Mode im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, sie spielte eine zentrale Rolle bei Künstlern, in Revuen, im Theater und Film. In jener Zeit wurden Modezeitschriften mit danach nie wieder erreichten Auflagenhöhen auf den Markt gebracht.
Mit der NS-Machtübernahme 1933 kam es zu einem historischen Einbruch: Eine Vielzahl der Konfektionshäuser wurde „arisiert“, d.h. die jüdischen Inhaber enteignet, vertrieben oder ermordet. Die ADEFA („Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie e.V.“) war maßgeblich an diesem Unrecht beteiligt. Als Gewinner gingen ehemalige Konkurrenten, Mitarbeiter oder Spekulanten hervor – es entstanden neue „arische“ Modesalons, welche eng mit Zwangsarbeitslagern und Konzentrationslagern kooperierten. Westphal appellierte am Schluss seiner Ausführungen, diesen Teil der Geschichte der Modemetropole Berlin niemals zu vergessen, sondern aktiv daran zu erinnern.

Einen Blick nach vorn, um neue und andere Wege im Berliner Modesystem zu gehen, warf Dr. Antonella Giannone, Professorin für Modegeschichte und -theorie an der Kunsthochschule Weißensee, in ihrem Vortrag „Made in Berlin: Gegenwart und Zukunft einer anderen Modestadt“. Ihre Ausführungen starteten im Jahr 1960, also 100 Jahre nach 1860 (s.o.).
Für die „Mode nach der Mode“ gebe es neue, andere Kriterien – es gehe um eine Alternative zur Tradition. Ihrer Ansicht nach gibt es eine Wechselwirkung zwischen Stadt und Mode. Für Mode „Made in Berlin“ bedeutet dies demnach, dass die Mode auf die stadtspezifische Situation reagiert und sich wirksam mit ihr verbunden habe – sie benannte das digitale, gesellschaftliche bzw. politische, architektonische, mediale und mobile Stadtleben. So werde Mode ganz selbstverständlich zum Teil der urbanen Kultur und spiegele diese wider – und inspiriere diese (s. z.B. Recycling unter ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten).
Die vielen unterschiedlichen – nachhaltigen, intelligenten oder auch absurden Intentionen – interagierten in der heutigen Modemetropole Berlin. Berlin sei dabei, eine neue Ästhetik in High-Fashion und Mode-Design zu prägen. Giannone hob das von klassischen Standards abgelöste Kreativpotenzial hervor, welches sie als Chance für sie Zukunft sieht.

Weitere Informationen zum Thema:

Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V.
Preisverleihung im Rahmen des Industriekulturabends „100 Jahre Korsch AG“ / Wie die Wirtschaftsgeschichtsschreibung Berlin-Brandenburgs belebt werden kann und
warum ein Hidden-Champion 100jährige Geschichte schreiben konnte

ARCHIVSPIEGEL, C. Berghausen, 17.06.2019
“Modemetropole Berlin“ – zwei Vorträge zu 100 Jahre Mode und die Mode nach der Mode

ARCHIVSPIEGEL, Tania Estler-Ziegler, 28.02.2019
Von Feuerland nach Wildau

Bild: BBWA

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23. IKA mit Preisverleihung

Bild: BBWA

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