Medienstadt Berlin: Spuren der Geschichte und Herausforderungen der Zukunft

10. IndustrieKulturAbend „Presse in Berlin – Zeitungen in ihrer Zeit“ vom 24. Oktober 2014

[GTIV, 11.11.2014] Der von der GTIV unterstützte 10. IndustrieKulturAbend am 24. Oktober 2014 widmete sich der Pressestadt Berlin. Der Vorsitzende des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs, Prof. Dr. Klaus Dettmer, führte durch den Abend und gab einen kleinen Rückblick auf die bisherigen neun IndustrieKulturAbende. In Berlin hätten das Ullstein- und das Mossehaus einerseits für einen architektonischen Avantgardismus gestanden, aber die Stadt sei durch ihre Geschichte auch mit der Kontrolle und Gleichschaltung der Presse verbunden.

Prof. Dettmer

Bild: Dirk Pinnow

Politik und Medien: Professor Dettmer erinnerte an die Wechselbeziehung

Berlin als Medienstadt: Höhe- und Tiefpunkte der Geschichte

Rainer Laabs, Leiter des Unternehmensarchivs der Axel Springer SE, betonte, dass sich dieses als Hüterin der eigenen Geschichte verstehe, deren Wurzeln beim Ullstein Verlag lägen. Er wolle rund 400 Jahre Zeitungsgeschichte in einer halben Stunde abhandeln.
Er erläuterte eingangs die Anforderungen an eine Zeitung: Eine solche müsse Neues verkünden (Aktualität), sie müsse frei zugänglich sein (Publizität) und alle Themen aufgreifen (Universalität) sowie regelmäßig erscheinen (Periodizität). Die erste Berliner Zeitung sei in diesem Sinne die „Frischmann-Zeitung“ im Jahr 1617 gewesen.
Friedrich der Große habe dann die Ansicht vertreten: „Gazetten dürfen, so sie delectieren sollen, nicht genieret werden.“ Dieser habe in der regionalen, unpolitischen Berichterstattung einen gewissen Freiraum für die Presse geschaffen, um deren Glaubwürdigkeit auch im eignen Sinne zu stärken.
Nach der Reichsgründung 1871 habe sich Berlin rasant zur führenden Zeitungsstadt entwickelt: Die Verleger-Persönlichkeiten Rudolf Mosse (u.a. „Berliner Tageblatt“), August Scherl (u.a. „Berliner Lokal-Anzeiger“ – erstmals mit Trennung von Meldungen und Meinungen) und Leopold Ullstein seien hierzu exemplarisch zu benennen. Ullstein, ursprünglich ein Papierhändler, habe Zeitungen aufgekauft – so die ursprüngliche, nicht mit der später im Ostteil herausgegebenen gleichnamigen Publikation zu verwechselnde „Berliner Zeitung“. Diese „Berliner Zeitung“ sei zunächst zweimal täglich als Abonnementzeitung erschienen (morgens und abends); als dann noch eine Mittagsausgabe erscheinen sollte – abgekürzt „B.Z. am Mittag“ – hätten sich die Zeitungsboten der Auslieferung verweigert (damals habe es noch keine Briefkästen am Eingang der Mietskasernen gegeben). So sei also die „B.Z.“ als Boulevardzeitung herausgegeben worden… Die „Berliner Morgenpost“, als ein eigenes Verlagsprojekt Ullsteins, sei an Fontanes Todestag (20. September 1898) erstmalig erschienen.
In den 1920er-Jahren habe es in Berlin insgesamt 147 Tages- bzw. Wochenzeitungen gegeben. Nach diesem Höhepunkt habe mit der NS-Machtübernahme der Niedergang eingesetzt – 1934 sei der Ullstein-Verlag unter Druck verkauft, „arisiert“ worden. Am 25. April 1945 sei die letzte Ausgabe der gleichgeschalteten „Berliner Morgenpost“ erschienen.

Rainer Laabs

Foto: Dirk Pinnow

Rainer Laabs über den schwierigen Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg

Kurz nach dem Krieg habe es sehr bald auf Initiative der sowjetischen Besatzungsmacht Neugründungen gegeben: „Tägliche Rundschau“ am 15. Mai 1945 (SBZ), „Berliner Zeitung“ am 21. Mai 1945 (Ostteil Berlins), „Deutsche Volkszeitung“ am 13. Juni 1945 (Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands in der SBZ – später ersetzt durch „Neues Deutschland“, das Zentralrogan der SED). Im Westteil sei erst im September 1945 „DER TAGESSPIEGEL“ erschienen.
Nach seiner Rückkehr nach Berlin aus dem britischen Exil habe Rudolf Ullstein Restitutionsprozesse angestrengt und so im September 1952 die „Berliner Morgenpost“ und im November 1953 die „B.Z.“ zurückerhalten. Axel Springer habe sich bei Ullstein eingekauft. Der Bau der Berliner Zentrale an der Sektorengrenze – in einer Phase, in der Konzerne aus der Stadt abwanderten – sei übrigens noch vor dem Mauerbau, nämlich 1959, begonnen worden, durchaus um an die Pressetradition dieser Gegend rund um die Kochstraße anzuknüpfen. Es stimme nicht, dass das Springer-Hochhaus in irgendeiner Form westliche Propaganda in akustischer oder schriftlicher Form in den Ostteil ausgestrahlt habe – dies seien zu widerlegende Mythen.
Abschließend lud Laabs ein, sich selbst ein Bild über den Springer-Verlag im Jahr 1968 zu machen: Hierzu stehe das „medienarchiv68.de“ zur Recherche zur Verfügung. Berlin sei heute wieder auf dem Weg zu einer bedeutenden Medienstadt, wenngleich man kaum an die herausragende Stellung in den 1920er-Jahren heranreichen könne.

Die schwierige Suche nach Geschäftsmodellen im Digitalen Medienzeitalter

In seinem Vortrag „Zeitung in Zukunft – Zukunft der Zeitung“ betrachtete Jörg Hunke, Ressortleiter Panorama/Medien bei der „Berliner Zeitung“, die Branche an der Schwelle zum Digitale Zeitalter.
Er führte aus, dass er die Zeitung per se für unverzichtbar halte. Aber sie müsse sich der digitalen Transformation stellen – Text allein reiche heute nicht mehr aus.
Zur Zeit verzeichneten die Printausgaben in Berlin zum Teil erheblich Auflageneinbußen: „Berliner Morgenpost“ (-9,4%), „Berliner Zeitung“ (-6,6%), „B.Z.“ (-2,8%) und „DER TAGESSPIEGEL“ (-4,3%). Als „Papierverdränger“ hätten sich das WWW (1991), facebook (2004), YouTube (2005) und twitter (2006) hervorgetan.

Jörg Hunke

Foto: Dirk Pinnow

Jörg Hunke auf der Suche nach der Zeitung der Zukunft

Seine Trenderwartung ging davon aus, dass das Smartphone in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird – problematisch sei aber die vorherrschende „Kostenloskultur“. Die Verlage seien auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen. Auch Datenbrillen (im Sinne der 3D-Brillen für Computerspiele) würden noch wichtiger werden – vielleicht könnten Nachrichten in Zukunft regelrecht erfahrbar werden. Auch die Rolle der „iWatch“ sei im Auge zu behalten. Die „Huffington Post“ wiederum beauftrage Dienstleister mit der Abfassung von Artikeln und „VICE.com“ biete einen Medienmix (Text, Videos und Fotos). Die Hervorhebung von Journalisten-Persönlichkeiten werde eine zunehmende Rolle spielen – neben dem Abfassen von Texten könnten sich diese z.B. als Moderatoren von Talk Shows im Fernsehen einem größeren Publikum bekannt machen. Journalismus im nachdenklichen, seriösen Verständnis werde auch in Zukunft nicht ersetzbar sein, so Hunke.

Weitere Informationen zum Thema:

ARCHIVSPIEGEL
10. Abend zur Industriekultur / „Presse in Berlin” – Zeitungen in ihrer Zeit”

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