Tief- und Untergründiges aus Berlin: 5. Abend zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg

Das tragische Schicksal der Tiefbau-Unternehmerpersönlichkeit Julius Berger und historische Spuren im Souterrain der deutschen Hauptstadt

[GTIV, 22.09.2012] Namens des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs e.V. (BBWA) und des Vereins für die Geschichte Berlins e.V. (VfdGB) begrüßte der VfdGB-Vorsitzende Dr. Manfred Uhlitz am 21. September 2012 die fünfte Versammlung des von der GTIV unterstützten und mitbegründeten „Abends zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg“ im Ludwig-Erhard-Haus.

Bergers Urenkel als Ehrengast

Dr. Uhlitz stellte kurz den ersten Vortragenden des Abends, Dr. Martin Krauß, Unternehmenshistoriker der Bilfinger Berger SE, vor; dieser sei der Versammlung schon seit dem dritten Abend zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg bekannt, welcher sich der Berlinischen Bodengesellschaft gewidmet hatte. Sodann verwies er auf einen besonderen Gast des Abends – den Urenkel Julius Bergers, Manuel Biedermann.
Biedermann ist ein Tischlermeister aus Wilmersdorf, der sich für die Restaurierung der 1928 auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee errichteten Grabstätte der Familie Berger engagierte. Diese ist im Prinzip eher eine Gedenkstätte, denn Berger und seine Frau Flora fanden den Tod im Konzentrationslager Theresienstadt. Ferner hat sich Biedermann für „Stolpersteine“ zum Gedenken an seine Urgroßeltern eingesetzt und betreibt zur Erinnerung an seine Vorfahren die Website „Berger Reloaded“.

Abbildung: Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv e.V. (mit Fotos aus dem Unternehmensarchiv der Bilfinger Berger SE in Mannheim sowie dem Philipp-Holzmann-Bildarchiv beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie in Berlin)

Abbildung: Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv e.V. (mit Fotos aus dem Unternehmensarchiv der Bilfinger Berger SE in Mannheim sowie dem Philipp-Holzmann-Bildarchiv beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie in Berlin)

Unverständnis im Auditorium über die bevorstehende Umfirmierung Bilfingers und das Verschwinden des Namens „Berger“ aus dem Firmennamen…

Der „klassische Selfmade-Man“ und sein tragisches Ende

Dr. Krauß stellte Julius Berger als „klassischen Selfmade-Man“ vor, der es – aus kleinen Verhältnissen stammend – zum bedeutenden jüdischen Unternehmer in der Zeit der Weimarer Republik brachte.
Berger hatte 14 Geschwister, von denen die ältesten aus wirtschaftlichen Gründen in die USA auswandern mussten. Bergers Vater war Inhaber eines Fuhrbetriebs in Zempelburg (Westpreußen), der zunächst vor allem Exponate und Waren von und zu Messen – so von und nach Leipzig und Frankfurt (Oder) – transportierte. Mit dem Bau von Eisenbahnlinien verkürzten sich die beauftragten Transporte, eben von und zu den Bahnhöfen.
Berger kam mit zwölf Jahren nach Berlin und ging in einer En-gros-Handlung für Leder in die Lehre; zudem besuchte er die Abendschule des Vereins Berliner Kaufleute. In seine Geburtsstadt zurückgekehrt engagierte er sich auch ehrenamtlich für Vereinsgründungen. Der väterliche Betrieb widmete sich in jener Zeit dem Transport von Getreide bzw. Ernten; die Auslastung und damit der wirtschaftliche Erfolg schwankten aber saisonal bedingt. Mit der Verlagerung des Schwerpunktes auf Steine und Kies gewann der junge Berger Einblicke in den Straßen- und Tiefbau. Aus der 1891 mit Flora geschlossenen Ehe gingen fünf Kinder hervor. Berger erhielt Transport- und Lieferaufträge für die sich im Aufbruch befindliche Eisenbahn in seiner Heimatregion. Auf Basis seiner Erfahrungen mit dem Tiefbau entschloss sich Berger zur Gründung einer eigenen Baufirma. Es erfolgte ein Umzug nach Bromberg, weil der dortige industrielle Fokus auf Holz, Metall und Maschinen insbesondere für den Eisenbahnbau bessere Aussichten versprach.
1899 wurde Berger von einem familiären Schicksalsschlag fast aus der Bahn geworfen – sein Sohn Bruno starb mit nur sechs Jahren an einer Krankheit. Er konnte jedoch durch gutes Zureden vom Aufgeben abgehalten und zur Gründung der Julius Berger Tiefbau AG (JBTAG) motiviert werden. 1907 wurde ein Baubüro in Berlin gegründet, 1910 auch der Sitz der JBTAG in die Reichshauptstadt verlegt. Schnell bemühte sich Berger auch um Aufträge im Ausland, so z.B. beim Bau des acht Kilometer langen Hauenstein-Basistunnels in der Schweiz 1913.
Mit der NS-Herrschaft endete Bergers persönlicher Erfolg als Unternehmer – eine tiefe Enttäuschung über sein Vaterland befiel ihn. So soll er 1933 geäußert haben: „Ich war Deutscher und bin Jude geworden.“ 1938 wurde die Auswanderung erwogen – noch Ende 1940 bemühte sich Berger um die Ausreise nach Uruguay, vergeblich! Berger und seine Frau wurden 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie den Tod finden…
Angesichts dieser tragischen Geschichte kam es im Auditorium zu Unmutsbekundungen, als Dr. Krauß über eine abermalige Umfirmierung der heutigen Bilfinger Berger SE am 24. September 2012 informierte: Fortan stehe nur noch der Name „Bilfinger“ für die Unternehmensgruppe; die einzelnen Gesellschaften der Gruppe sollten noch eine ergänzende Spartenbeschreibung erhalten. Dr. Krauß erläuterte, dass die Unternehmensgruppe mit heute rund 60.000 Mitarbeitern weltweit nur noch zu 20 Prozent im Baubereich aktiv sei und nach den vielen Aufkäufen von Firmen nun eine Vereinheitlichung des Markenauftritts geplant sei. Der Name „Berger“ solle indes künftig über den neu gestifteten „Julius-Berger-Preis“ erhalten bleiben. Aus dem Auditorium wurde dennoch die jüngste Umfirmierung unter regem Beifall der Versammlung als „historisch falsch“ kritisiert.

Berlins Untergrund – Brauereien als Pioniere

Dietmar Arnold, Vorsitzender der Berliner Unterwelten e.V., stellte der Versammlung „Berlin von unten vor“. Er habe Stadt- und Regionalplanung in Berlin studiert. In Paris sei er von Liebhabern der dortigen Katakomben inspiriert worden, deren Erkundung er sich damals tagelang gewidmet habe. Zurückgekehrt nach Berlin habe er sich die Frage gestellt, was eigentlich unter der eigenen Stadt zu finden sei. Im Zuge seiner Forschungsarbeit mit Gleichgesinnten seien insbesondere Bunker, Brauereikeller sowie ungenutzte Tunnel aufgespürt und untersucht worden. Darüber berichte sein in nunmehr zehnter Auflage erschienenes Buch „Dunkle Welten – Bunker, Tunnel und Gewölbe unter Berlin“, Ch. Links Verlag, ISBN 978-3861535836.
Seiner Erkenntnis nach mache der Untergrund bei Bauvorhaben durchschnittlich rund 40 Prozent der gesamten Baukosten aus – beim Potsdamer Platz seien es sogar rund 53 Prozent gewesen. Pioniere der Untergrundbauten seien in Berlin die Brauereien gewesen – leider sei insbesondere in den 1990er-Jahren mangels Denkmalschutz für den Untergrund im Zuge von Baumaßnahmen viel Erhaltenswertes zerstört worden. Dies sei auch ein maßgeblicher Impuls zur Vereinsgründung gewesen.
In einem historischen Abriss zeigte Arnold auf, wie in der wachsenden Metropole Berlin zunächst Anlagen der Kanalisation und Kommunikation, aber bald auch des Transports von Gütern und Personen unter die Erde gelegt werden mussten. Nach Paris habe Berlin 1940 gar das zweitgrößte Rohrpostnetz der Welt besessen. Er stellte auch bis heute ungenutzte Tunnelanlagen der Berliner U-Bahn vor, die als „Vorratsbauten“ einer ungewissen Zukunft entgegen dämmerten und deren Nutzung er wohl nicht mehr erleben werde. Lediglich bei der U5 seien Aktivitäten zu vermerken – daran baue auch Bilfinger mit.
Bemerkenswert sei die verzögerte Reaktion der Berliner Fahrgäste gewesen, die sich erst nach Stunden über vermeintliche NS-Relikte im Bahnhof Deutsche Oper beschwert hätten, in dem für den Film „Der Untergang“ die Fluchtszene durch den einstigen U-Bahnhof „Kaiserhof“, heute Mohrenstraße, gedreht worden sei und bei Anlauf des Betriebs am frühen Morgen des Folgetages noch nicht alle Requisiten der nächtlichen Aufnahmen wieder entfernt gewesen seien. Die ersten Fahrgäste, so Arnold, der als Berater an diesem Filmprojekt mitgewirkt hatte, hätten sich noch nicht daran gestört, erst am späteren Vormittag habe es empörte Reaktionen gegeben. Unter der NS-Herrschaft habe sich der Fokus der Untergrundaktivitäten verlagert – insbesondere im Zusammenhang mit der geplanten Umgestaltung der Reichshauptstadt Berlin zur „Welthauptstadt Germania“. In der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs seien viele Rüstungsbetriebe unter die Erde verlegt worden.
Nach der Teilung Berlins durch die Mauer 1961 sei die Untergrundgeschichte Berlins vor allem durch die spektakulären Tunnelfluchten geprägt gewesen – 78 Fluchttunnel habe man bisher ermitteln können. Der Verein biete heute regulär in sieben Sprachen die stark nachgefragten Exkursionen in den Berliner Untergrund an. Ferner widme man sich Kunst- und Kulturprojekten – so z.B. zur Erinnerung an die Fluchttunnel.

Weitere Informationen zum Thema:

BERGER RELOADED Projekt
Berger Reloaded

Berliner Unterwelten e.V.
Gesellschaft zur Erforschung und Dokumentation unterirdischer Bauten

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