Berlins Stadtentwicklung: Metropolregion muss der Maßstab sein

GTIV-Präsident berichtet vom 3. Bürgerforum Historische Mitte

[GTIV, 26.06.2011] In seiner Einführung zur dritten Versammlung des Bürgerforums Historische Mitte Berlin am 23. Juni 2011 in der Berliner Marienkirche wies Dr. Benedikt Goebel auf sein an diesem Morgen vom „INFOradio rbb“ ausgestrahltes Interview im Rahmen der Sendung „Vis à vis“ hin.

Das Anliegen des Bürgerforums

Dr. Goebel fasste das Anliegen des Bürgerforums nochmals zusammen – es gehe um den vollständigen Erhalt der Überreste des Alten Rathauses auf einer Fläche von 17 Metern mal 39 Metern; es solle zugänglich und nutzbar gemacht werden. Er erwähnte die Wiederauffindung von Original-Zeichnungen aus dem Inneren des Alten Rathauses, die jetzt aufgearbeitet und reproduziert werden sollen.

Foto: Dirk Pinnow

Foto: Dirk Pinnow

Grabungsleiter Michael Hofmann mit einer Besuchergruppe des Vereins für die Geschichte Berlins e.V. am 23. Juni 2011

Neubau der Rathausbrücke ein „Skandal“

Sodann führte Dr. Goebel den aktuellen Neubau der Rathausbrücke als weiteres Beispiel für eine fragwürdige Stadtplanung an – gemäß dem Siegerentwurf müsse die Straße zwischen Nikolaiviertel und Neuem Marstall einen Meter höher gesetzt werden. Damit sei der Bau von Rampen erforderlich, der auf der Höhe des Spreeufers durch die Rampenwand und das darauf befindliche Brücken-Geländer zu einer Verunstaltung der Ansicht führen werde – ein „Skandal“, so Dr. Goebel.
Willo Göpel erläuterte den Hintergrund – ursprünglich sollte die Spree als „Bundeswasserstraße“ für die sogenannten „Europaschiffe“ tauglich gemacht werden, weshalb sämtliche Brücken um einen bis drei Meter hätten angehoben werden müssen. Die tatsächliche Nachfrage das Wirtschaftsverkehrs sei auf der Berliner Spree jedoch ausgesprochen gering, aber die Planung der Brücke habe eben in der damaligen euphorischen Erwartungsphase gelegen.

Aktuelle Baupläne gefährden „Bodendenkmals-Verdachtsgebiet“

Sodann thematisierte Göpel erneut das „Redevco“-Projekt, welches als Insellösung und durch seine Dimensionen an dieser Stelle unpassend sei.
Dort will die Brenninkmeijer-Gruppe ein Einkaufszentrum errichten. Auf dem Grundstück in der Rathausstraße/Ecke Gontardstraße, auf dem das erste deutsche „C&A“-Kaufhaus stand, soll ein fast 30 m hohes Gebäude mit 18.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche, mit fünf Obergeschossen und einem Untergeschoss, entstehen. Dieses Gelände sei ein
„Bodendenkmals-Verdachtsgebiet“.

Rückkehr vom „Staatsmaßstab“ der DDR-Zeit zum „Stadtmaßstab“ der Vorkriegszeit

Prof. Hildebrandt Machleidt, in den Jahren 1991/1992 Mitwirkender an der Entwicklung des „Städtebaulichen Leitbilds für die Berliner Mitte, Bereich Spreeinsel“, machte deutlich, dass es im Berliner Stadtkern um eine planerische Synthese aus sieben Jahrhunderten stetiger Stadtentwicklung und 50 Jahren Nachkriegszeit gehen müsse. Im Gegensatz zu einigen Entwürfen, etwa des Architekten Bernd Albers, die eine sehr starke bauliche Verdichtung der heutigen Freifläche rund um den Fernsehturm vorsehen, plädiert Prof. Machleidt durchaus für den Erhalt eines Forums, um die bedeutsame Wirkung des Fernsehturms als ein Monument der Gesamtstadt zu erhalten. Man müsse aber über die Größe dieses Forums im Vergleich zu anderen bedeutenden Plätzen diskutieren – die Gesamtfläche des Planungsgebietes zwischen Spree und S-Bahn einerseits sowie Karl-Liebknecht-Straße und Rathauspassagen andererseits weist eine Ausdehnung von 635 Metern mal 240 Metern, also insgesamt 15,2 Hektar, aus. Der Pariser Platz am Brandenburger Tor z.B. hat eine Fläche von rund 1,5 Hektar. Es gehe darum, vom „Staatsmaßstab“ der DDR-Zeit zum „Stadtmaßstab“ der Vorkriegszeit zurückzukehren.
Im Zuge einer kleinteiligen, vielschichtigen Bebauung der Freiflächen sollten die ehemaligen Straßenverläufe wiederhergestellt werden. Er spricht sich für eine „normale“ Nutzung aus, d.h. Wohnen und Kultur.
Dabei erteilt er einer einseitigen Sichtweise eine Absage – „function follows form“ und „form follows function“ müssten keine Gegensätze sein, sondern Grundsätze parallel ablaufender Gestaltungsprozesse im Kontext der geschichtlichen Raumstruktur des Ortes. Um der weiteren Diskussion einen Impuls zu geben, zeigte er zum Abschluss seiner Ausführungen eine Karte der Lübecker Altstadt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der Form des Berliner Stadtkerns zwischen Spree und S-Bahntrasse aufweist. Die Lübecker Altstadt stehe symbolisch und ideell für die Gesamtstadt – er demonstrierte anhand der Karte, wie zerstörerisch – ja, verstörend – sich eine Freifläche in den Dimensionen des fraglichen Geländes in Berlin dort auf den Gesamteindruck auswirken würde.

Abschied vom insularen Denken gefordert

Aljoscha Hofmann, ThinkBerl!n, machte sich für eine Erörterung der Stadtkernentwicklung im gesamten Stadtzusammenhang stark; er forderte einen Abschied vom insularen Denken – Berlin habe mehr verdient. Die Metropolregion müsse der Maßstab sein, so Hofmann, deshalb seien Projekte stets in der Bedeutung für die Gesamtstadt zu bewerten. So sei etwa das Stadtgrün mehr als eine urbane „Salatgarnitur“ – Schönheit indes dürfe kein Privileg für Reiche sein. Stadtplanung müsse sowohl von der Basis wie zugleich von der Metaebene her gedacht werden. Deutlich positionierte er sich hinsichtlich der Liegenschaftspolitik – diese müsse „Zukunftspolitik“sein; die Privatisierung der Stadt um jeden scheinbar guten Preis sei zu stoppen. Solche Ansätze der Stadtplanung bräuchten indes den „Rückenwind“ durch die politische Führung. Mit einer Absage an den „Tunnelblick“ auf allen Ebenen forderte er Visionen für Berlin. So gelte es, das Zentrum Berlins als Einheit aus der Altstadt, der Gegend rund um die Friedrichstraße und der „City-West“ zu begreifen.
Auch die ehemaligen Arbeiterquartiere, heute überwiegend von Zuwanderern geprägt, stellten eine Herausforderung dar, ebenso die großen Stadtbrachen. Ferner müsse man sich der Großsiedlungen am Stadtrand wie auch der von Wohnparks geprägten, zersiedelten suburbanen Landschaften annehmen. Schlussendlich gelte es, eben immer die Großstadtregion insgesamt im Auge zu behalten.

Foto: Dirk Pinnow

Foto: Dirk Pinnow

Marienkirche als Treffpunkt für „Rundgänge durch das mittelalterliche Berlin“

4. Treffen des Bürgerforums im Vorfeld der Wahlen zum Abgeordnetenhaus

Mit Dank an die Vortragenden und Teilnehmer sprach Dr. Goebel eine Einladung zum vierten Treffen des Bürgerforums am 6. September 2011 aus.
Dieses soll im unmittelbaren Vorfeld der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus als Podiumsdiskussion mit Vertretern aller im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien durchgeführt werden – die Vertreter sind um Stellungnahmen zu den Standpunkten des Bürgerforums und um Darstellung der jeweiligen programmatischen Ziele für die Revitalisierung des Berliner Stadtkerns gebeten worden. Eine weitere Einladung bezog sich auf die am 3. Juli, 7. August und 4. September 2011, jeweils um 15 Uhr von Prof. Dr. Felix Escher angebotenen „Rundgänge durch das mittelalterliche Berlin“ – diese dauern ca. 90 Minuten, Treffpunkt ist der Haupteingang der Marienkirche.

Weitere Informationen zum Thema:

Deutsches Architektur-Forum
Nikolaiviertel (Fotos zum Bau der neuen Rathausbrücke)

Think Berl!n
Projekte

berlinerblog, 07.02.2010
Das Marx-Engels-Forum nach 2017: Zeitzeuge der Berliner Geschichte, rekonstruierte Altstadt oder modernes Stadtzentrum?

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2 Antworten auf Berlins Stadtentwicklung: Metropolregion muss der Maßstab sein

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