Bildung als strategische Investition des 21. Jahrhunderts

Anspruchs-Partikularismus ist Fortschrittshemmnis

[GTIV, 13.09.2007] Während neben Absolventen nunmehr auch Kindergarten-Kinder mit Fördermaßnahmen bedacht werden, stellt die bundesdeutsche Schulbildung noch immer einen realitätsfremden „Schonraum“ dar. Das strategische Interesse der erfolgreichen Positionierung im Wettbewerb der Volkswirtschaften im 21. Jahrhundert erfordert die Bildung aller zu vergleichbaren Rahmenbedingungen und hinsichtlich gemeinsamer Ziele. Die Aufdeckung und Pflege von Potenzialen und Talenten vor dem Hintergrund des Leistungs- und Wertschöpfungsgedankens ist Voraussetzung für das Wohlergehen in der Zukunft.

Gestern hielt die HELMHOLTZ GEMEINSCHAFT unter dem Motto „Helle Köpfe für die Forschung“ ihre Jahrestagung 2007 in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom ab:

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel betonte in ihrer Rede die Voraussetzung für eine erfolgreiche Wertschöpfung im Lande: Kreativität, Motivation und Leidenschaft. Zur Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen gelte es, sich einem breiten zukunftsorientierten Themenspektrum zu widmen, um eine Brücke zu den Märkten von morgen zu schlagen.
In diesem Zusammenhang machte sie deutlich, dass die „Exzellenzinitiative“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ausdrücklich nicht als eine Regionalinitiative zu versehen sei.
Deren Ziel: Durch bundesweite Vernetzung auf 17, im Rahmen einer Hightech-Strategie definierten Zukunftsfelder eine Weltspitzenposition zu erlangen.
Die bisherige Situation sei nicht zufriedenstellend, da mangelnder Innovationsgeist nicht allein in Kreisen der Politik herrsche, sondern eben auch die gesamte Gesellschaft durchziehe. Sie sehe Neugierde als Antriebskraft, sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen, daher müsse die Schnittstelle zwischen Schule und Berufsausbildung gestärkt werden.
Sie plädierte für gemeinsame, messbare Schulstandards und die Akzeptanz eines lebensbegleitenden Lernens. Die Begeisterung der jüngeren Generation, die als schwer geltenden Fächer im Bereich der Naturwissenschaften und Technik zu studieren, müsse geweckt werden. Aber auch die reiche Erfahrung der über 55-Jährigen sei unverzichtbar.
Erst dann, wenn der derzeit beklagte Fachkräftemangel nicht im Lande zu lösen sei, werde man sich einer Zuwanderung qualifizierter Menschen nicht verschließen – diese dürfe aber nicht die erste Antwort auf das Problem sein. Mit nationalen Qualifizierungsmaßnahmen solle das bereits vorhandene Potenzial – auch gerade unter den bisher benachteiligten jungen Menschen – geweckt werden.
Mit dem Appell, Wissenschaftler und Techniker sollten sich in Deutschland wohl fühlen können, schloss die Kanzlerin ihre pointierte, kurzweilige Ansprache an das dicht gedrängte Auditorium.

Der Präsident der HELMHOLTZ GEMEINSCHAFT, Prof. Dr. Jügen Mlynek, hob die Bedeutung der Kultur für die Forschung hervor – so sei der Blick der Kunst auf die Welt wichtig für die Naturwissenschaften, weil sie Werte transportiere und den Umgang mit anderen Menschen lehre. Für ihn seien Siemens’ Erfindungen und Einsteins Entdeckungen Teil der Kultur.
Er sei sich bewusst, dass gute Ideen schnell formuliert, aber schwer umzusetzen seien. Der Standortvorteil Deutschlands dürfe aber eben nicht aufs Spiel gesetzt werden, weshalb zur Wohlstandserhaltung und Arbeitsplatzschaffung der Aus- und Weiterbildung zentrale Bedeutung zukomme, damit in Deutschland „Leuchtturmprojekte“ mit weltweiter Ausstrahlung realisiert werden könnten. Derartige Vorhaben, so Professor Mlynek, laden ein zur Einbringung individueller Stärken in ein Gesamtergebnis, das größer als die Summe der einzelnen Teile sein werde.
In diesem Sinne verstehe sich auch die Organisationskultur der HELMHOLTZ GEMEINSCHAFT, die sich eines Talentmanagements bediene, damit individuelle Stärken am richtigen Ort zum Einsatz kämen.
Das Interesse für naturwissenschaftlich-technische Berufe gelte es früh zu wecken, wie z.B. mit dem Projekt „Haus der kleinen Forscher“, das Kinder im Kindergartenalter adressiere. Er könne nur hoffen, dass sich die Begeisterung der Kleinen dann auch durch die Schulzeit hindurch erhalte. Gut ausgebildete Menschen seien Deutschlands Stärke.

GTIV-Präsident Dirk Pinnow, Beobachter der Veranstaltung, fordert als Fazit die konsequente Durchdringung aller Entwicklungsphasen eines Menschen mit praxisnahen Bildungs- und Förderungsangeboten. Das Bemühen um junge Forscher/innen im KiTa- und im Absolventenalter sei löblich und finde sicher auch bald noch eine Ergänzung durch Programme für die ältere Generation, problematisch stelle sich aber die Phase der Grund- und Oberschulzeit dar. Dort wirke der Bildungs-Föderalismus fatal, da es an Vergleichbarkeit mangele – es gebe aber keine Berliner Mathematik oder hessische Physik, so dass es absurd sei, Abiturienten mit einer Bayerischen oder Bremer Hochschulreife in das reale Leben zu entlassen, welches sich dann an nationalen wie auch internationalen Standards messen lassen müsse.
Die Weltfremdheit der Schulbildung hinsichtlich der Realitäten des 21. Jahrhunderts müsse endlich überwunden, die Flucht in wertschöpfungsfremde Parallelwelten gestoppt werden. Kontakte der Schulen zur realen Arbeitswelt sollten alltäglicher Standard und nicht allein Gegenstand von gelegentlichen „Wandertagen“ sein. Es sei an der Zeit, im strategischen Interesse der deutschen Volkswirtschaft die Ziele der Schulbildung bundesweit zu vereinheitlichen und evaluierbar zu machen. Die Wege zu diesen gemeinsamen Zielen könne man weiterhin in der regionalen Verantwortung belassen, da Globalisierung und Regionalisierung als antagonistische Prinzipien zusammengehörten: Junge Menschen sollten in der weiten Welt ebenso beheimatet sein, wie in ihrer lokalen und regionalen Kultur. So gestatte es die Kenntnis und Pflege kultureller Besonderheiten auch, Gästen und Einwanderern das zur nachhaltigen Wertschöpfung notwendige Wohlgefühl in der neuen Heimat zu bieten.
Der internationale Wettbewerb um potenzialreiche hochflexible Persönlichkeiten als Garanten des zukünftigen Wohlstandes habe längst begonnen. Deutschland könne sich diesem Wettbewerb stellen, denn es habe auch viel anzubieten. Das wiedervereinigte Deutschland müsse dazu allerdings endgültig aus dem statischen „Wirtschaftswundermief“ der alten Bundesrepublik heraustreten und hochdynamischem Prozessdenken Raum geben.

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