Bürgerforum Historische Mitte Berlin: Bürger-Verantwortung für historisches Erbe

Ein Bericht über den Auftakt am 29. März 2011 von GTIV-Präsident Dipl.-Ing. Dirk C. Pinnow

[GTIV, 30.03.2011] Gut 100 interessierte und engagierte Bürger aus dem Umfeld der historischen Vereine Berlins – Verein für die Geschichte Berlins e.V. (gegr. 1865), Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V. (gegr. 1884) sowie Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin e.V. (gegr. 1824) – versammelten sich am 29. März 2011 in der St. Marienkirche unweit des Fernsehturms zur Auftaktveranstaltung des Bürgerforums Historische Mitte Berlin:

Die Seele Berlins wiedergewinnen!

Als Hausherr begrüßte Pfarrer Gregor Hohberg die Versammlung und erläuterte, dass die Trias aus Rathaus, Markt und Kirche in den mittelalterlichen Städten Europas traditionell die Stadtmitte, den Ursprung der jeweiligen Stadt, markiert habe; so auch im damaligen Cölln und Berlin. Es gehe somit heute darum, die Orientierung gebende Mitte Berlins wieder zu finden. Diese sollte eben nicht nur von Straßen und Konsum geprägt sein, sondern auf ihre reiche Vergangenheit verweisen und die Struktur der Altstadt erkennen lassen. Gesucht werde der die Identität der Stadt bestimmende genius loci – ja, es gehe darum, die Seele Berlins wieder zu gewinnen.

Überbleibsel des Alten Rathauses als unerhofftes Erbe für alle Berliner

Als Mitinitiator des Bürgerforums unterstrich der Publizist Klaus Hartung die Bedeutung der archäologischen Funde vor dem „Roten Rathaus“ – die Überbleibsel des Alten Rathauses seien ein unerhofftes Erbe für alle Berliner. Nun stelle sich die Frage nach dem Umgang mit diesen Funden. Die Berliner müssten eine Chance zum Mitreden bekommen, also vorab eine Gelegenheit zum Anschauen. Er warnte davor, dass die unwiederbringliche Zerstörung dieses Erbes drohe. Sein Wunsch sei es, dass der Bürgerwillen hörbar werde.

Die Geschichte Berlins auch wieder im brandenburgischen Kontext betrachten!

Die Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg vertrat deren Vorsitzender Dr. Peter Bahl. Er sprach sich für einen behutsamen Umgang mit diesen Zeugnissen der mittelalterlichen Vergangenheit Berlins aus. Es gelte zumal, dabei die Geschichte Berlins auch wieder in ihrem brandenburgischen Kontext zu betrachten; dazu seien sichtbare Zeichen notwendig. Die damalige Doppelstadt Berlin-Cölln habe sich eben zum Zentrum Brandenburg-Preußens entwickelt; Berlin sei auch heute keine Insel im Irgendwo. Das Gedächtnis auf Basis solcher materiellen Zeugnisse dürfe nicht getilgt werden; es gehe schließlich um Authentizität statt Virtualität.

Plädoyer für Innehalten und neues Nachdenken bei der Stadtplanung

In seinem kurzen Grußwort plädierte Dr. Peter Lemburg, Schriftführer des Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Berlin, für ein Innehalten und neues Nachdenken. Er wünschte allen Beteiligten neue Erkenntnisse und noch bessere Ergebnisse.

Prägung eines Stadtbewusstseins im Fokus des Vereins für die Geschichte Berlins

Dr. Manfred Uhlitz, Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins, führte aus, dass dieser Verein aus gutem Grund 1865 gegründet worden sei. Dem Verein gehe es dabei weniger um Traditionspflege, sondern vor allem um die Prägung eines Stadtbewusstseins. So seien Gegner der Entfernung der Gerichtslaube unter den Gründungsmitgliedern des Vereins gewesen; dieser sei im gewissen Sinne als eine frühe Bürgerbewegung zu verstehen. Der Verein für die Geschichte Berlins habe in den letzten Jahren mehrere Themenhefte der Berliner Altstadt gewidmet – und so die Idee für das Bürgerforum Historische Mitte Berlin mit befördert. Es gehe um Information und Aufklärung über die damalige Situation der heute verlorenen Alten Mitte Berlins im Umfeld des Berliner Schlosses – es sei erwähnenswert, dass die Bürgerquartiere in jener Zeit bis an das Schloss reichten.

Wieder-Bewusstsein für die Mitte Berlins schaffen!

Nach den einführenden Grußworten erläuterte der Landesarchäologe Prof. Dr. Matthias Wemhof mit Leidenschaft sein Verständnis von Archäologie, die eine Wieder-Annäherung an die Geschichte der Stadt ermögliche und ein Wieder-Bewusstsein für die Mitte Berlins schaffen könnte. Heute sei im Zentrum Berlins die Wiedererkennung der traditionellen europäischen Stadtstruktur kaum möglich, aber es gebe eben jene Reste, die als „Ankerpunkte der Geschichte“ fungierten. So begrüße er die Einbeziehung der aufgefundenen Kellerreste des Berliner Schlosses in das künftige Humboldt-Forum, ebenso der Kirchenfundamente der Petrikirche in das Archäologische Zentrum am Petriplatz. Die aktuelle Konfrontation mit dem Alten Rathaus setze nun auch Krativität frei; es habe ein Prozess des Nachdenkens begonnen. Der an der Fundstelle ursprünglich geplante Zugang zum U-Bahnhof solle immerhin verlegt werden, so dass nach gegenwärtigem Stand zumindest ein Großteil von vielleicht 70 Prozent der Funde gesichert werden könne. Laut Professor Wemhof seien die Architekten des U-Bahnhofes sogar an einer Verbindung von Moderne und mittelalterlichem Erbe interessiert. Er habe eine Vision, nach der eine Zugänglichkeit zur Tuchhalle auf dem Niveau des 13./14. Jahrhunderts geschaffen werde – diese sei immerhin ein Zeugnis des Handels und des städtischen Lebens in jener Zeit. In der weiteren Perspektive für den Umgang mit Berlins Geschichte müssten auch der Jüdenhof und der Molkenmarkt thematisiert werden; dabei gehe es nicht nur um den Substanzerhalt, sondern um eine Auseinandersetzung mit der Genese der Strukturen dieser Orte und Plätze, denn daraus ließen sich Gestaltungsrichtlinien für die Gegenwart und Zukunft ableiten. Er wünsche sich, dass vom Bürgerforum der Impuls ausgehe, Ausgrabungen den Vorrang vor der Bauplanung und Parzellierung von Grundstücken in der Historischen Mitte Berlins einzuräumen.

Altes Rathaus als Steinbau um 1280 unter den Askaniern entstanden

Bauhistoriker Dirk Schumann erläuterte anhand einiger Bilder die bauliche Entwicklung des Alten Rathauses. So sei der langgestreckte Steinbau um 1280 unter den Askaniern entstanden, während der Umbau um das Jahr 1325 unter der Ägide der Wittelsbacher erfolgt sei – Analogie-Bezüge zu heute noch sichtbaren Baudetails in Frankfurt (Oder) wurden dargestellt.

Rathaus-Standort markiert die ideelle Mitte der Stadt!

Dr. Benedikt Goebel, Historiker, betonte, dass der Rathaus-Standort die ideelle Mitte der Stadt markiere, und zeigte hierzu mehrere Bilder zur Veranschaulichung des Abbruchs und des Nachlebens des Alten Rathauses.
Die Tuchhalle habe im Mittelalter im Souterrain gelegen und zu etwa einem Drittel über das Bodenniveau hinausgeragt; Tageslicht habe in die Halle gelangen können. Der Abriss des eigentlichen Rathauses sei an sich nicht strittig gewesen, aber um den Abbau der Gerichtslaube habe es sechs Jahre lang eine Auseinandersetzung gegeben.

U-Bahnbau und Sicherung der Funde in Einklang bringen

Manfred Kühne, Abteilungsleiter Städtebau und Projekte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, erklärte, dass momentan keine detaillierten Baupläne gezeigt werden könnten – diese befänden sich noch im Projektierungs- und Entscheidungsprozess.
Für die BVG stellte sich Ralf Baumann, Bereichsleiter Infrastruktur, dem kritischen Auditorium. Er erläuterte, dass die BVG nicht die Entscheidungen treffe, sondern das Bestellte errichte. Er machte einige Ausführungen zu rechtlichen, wirtschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen und erklärte seine Bereitschaft, bei nächster Gelegenheiten zu dem Stand der Planungen für die Erweiterung der U5 im Umfeld des Berliner Rathauses zu referieren – Moderator Willo Göpel, Journalist und Projektentwickler, nahm dieses Angebot sogleich an. Aus dem Publikum wurde u.a. angeregt, über eine tiefere Unterquerung des Fundortes bzw. eine den Fundort nicht schneidende frühere Verschwenkung nachzudenken.

Auftaktveranstaltung des Bürgerforums Historische Mitte Berlin als Erfolg zu werten!

In einer Gesamtwürdigung lässt sich sagen, dass diese Auftaktveranstaltung des Bürgerforums Historische Mitte Berlin als Erfolg zu werten ist, so GTIV-Präsident Dirk Pinnow. Trotz einiger akustischer Unzulänglichkeiten ist eine konstruktive Auseinandersetzung initiiert worden, der man im Interesse der Stadt eine erfolgreiche
Fortsetzung wünscht. Möge es gelingen, Sachlichkeit über Emotionalität zu stellen und in der ideellen Mitte Berlins intelligent das rare mittelalterliche Erbe mit der Moderne zu verbinden – mit Kreativität und gutem Willen aller Beteiligten sollte dies glücken! Für eine solche geschickte Lösung, die Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt sein würde, darf dann durchaus mit Enthusiasmus geworben werden.

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