Die Zukunft der Altstadt in der Diskussion: 4. Bürgerforum Historische Mitte Berlin setzt auf Bürgerbeteiligung

Notizen von GTIV-Präsident Dirk Pinnow vom Vortragsabend am 6. September 2011 in der Heilig-Geist-Kapelle

[GTIV, 09.09.2011] Im Vorfeld der Abgeordnetenhaus-Wahlen am 18. September 2011 in Berlin lud das Bürgerforum Historische Mitte Berlin am 6. September 2011 zu seinem „4. Bürgerforum“ ein:
Der Diskussionsabend in der Heilig-Geist-Kapelle in der Spandauer Straße 1 stand unter dem Motto „Berliner fragen…Politiker antworten“ und sollte Antworten auf die Frage „Was bedeutet der Politik die Historische Mitte?“ bringen.

Zum Selbstverständnis des Bürgerforums

Eingangs machte Dr. Benedikt Goebel das Selbstverständnis des Bürgerforums deutlich – entstanden auf Initiative von Klaus Hartung bestehe aus allen Berliner Bürgern, sie sich um die Historische Mitte der Stadt sorgten. Dr. Goebel richtete seinen Dank an die Humboldt-Universität zu Berlin, die für diesen Abend die Heilig-Geist-Kapelle zur Verfügung gestellt hatte, und gab sodann einen kurzen kulturhistorischen Abriss dieser bedeutenden Stätte aus dem frühen 14. Jahrhundert.

Schlüssiges Gesamtkonzept für Berlins Gründungsort als einmalige Chance

In seinem Grußwort betonte André Schmitz, Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, dass für ihn Berlin eine spannende Stadt sei. Es gelte aber, deren Grünanlagen zu misstrauen, denn unter das Pflaster dieser Stadt seien mehr Artefakte verborgen als erwartet – wie die heutigen Funde zeigten. Zu dem Umgang damit sei seine persönliche Meinung zwar noch nicht ganz mehrheitsfähig im Abgeordnetenhaus, aber er arbeite daran…
Es hob kritisch hervor, dass die Stadt noch kein Konzept für den Umgang mit seinem zumeist unerwarteten Erbe hat. Einem „überdimensionierten Schwimmbad“, also der Umwandlung der Freifläche vor Fernsehturm und Rathaus in eine Wasserfläche, erteilte Schmitz eine klare Absage. Auch „archäologische Fenster“ seien nicht der Weisheit letzter Schluss. Es gehe ihm um einen öffentlichen Diskurs, wie urbanes Leben zurückgewonnen und die Metropolenwerdung vorangetrieben werden könne.
Identitätsstiftend dabei sollte der historische Stadtgrundriss als Basis für eine moderne, auf Urbanität zielende Stadtplanung sein.
Dies sei jedoch ein langer Weg, so Schmitz, und es werde auch Rückschläge geben. In der Tat fehlten im aktuellen Haushaltsentwurf die erhofften Mittel – aber über diesen Entwurf sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Erstellung eines schlüssigen Gesamtkonzeptes für Berlins Gründungsort sei eine einmalige Chance. Er teile das Anliegen des Bürgerforums zur demokratischen Mitwirkung daran – die Planung dürfe nicht allein Politik und Verwaltung überlassen werden. Leider habe Berlin in weiten Teilen seine historischen Wurzeln vergessen. So dankte er allen Teilnehmern, die durch ihre Anwesenheit bekundeten, sich dieser Aufgabe mit stellen zu wollen.

Foto: Eckhard Grothe, Berlin

Foto: Eckhard Grothe, Berlin

Staatssekretär André Schmitz betont identitätsstiftenden historischen Stadtgrundriss als Basis für moderne, auf Urbanität zielende Stadtplanung.

Zentralen Informationsort zur Berliner Altstadt gefordert

Initiator Klaus Hartung stellte nochmals die Forderungen des Bürgerforums vor. Es biete sich momentan die Chance, zu retten was man verloren geglaubt hätte. Aber die Uhr ticke, warnte Hartung; diese Chance drohe verspielt zu werden. Er bedauerte die fehlende öffentliche Aufmerksamkeit – eigentlich müsste dieses Thema die ganze Stadt beschäftigen und ein Wahlkampfthema sein.
Insbesondere machte sich Hartung für einen zentralen Informationsort zur Berliner Altstadt stark, denn das auch als Folge der Teilung in Ost und West entstandene Desinteresse für das geschichtliche Erbe der Gesamtstadt sei im Nichtwissen der Bürger begründet. Es gelte, Berlin als eine Bürgerstadt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen.

Foto: Eckhard Grothe, Berlin

Foto: Eckhard Grothe, Berlin

Initiator Klaus Hartung fordert, Berlin als Bürgerstadt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen.

Anstatt vereinzelter Rekonstruktion große Zusammenhänge erfahrbar machen!

Franziska Eichstädt-Bohlig, Sprecherin für Stadtentwicklung von Bündnis 90/Die Grünen, kritisierte, dass der Regierende Bürgermeister rund 1,4 Millionen Euro als Kofinanzierung für Maßnahmen in der Historischen Mitte nicht bereitstellen will. Diese Summe sei eigentlich kein Thema – dafür könnte man z.B. auf das Aufreißen des Gendarmenmarktes verzichten. Der Betrag sei „Peanuts“ im Verhältnis zu anderen Projekten.
Nach der Einheit sei es leider zu einer weiteren Zergliederung des Stadtzentrums gekommen. Die Planung sollte sich eben nicht nur allein auf das Rathaus beziehen, sondern vor allem auch den Molkenmarkt mit einbeziehen – ja, einen Zusammenhang erfahrbar machen, anstatt nur eine Rekonstruktion einzelner Segmente zu betreiben. Der Umgang indes mit dem Rathaus-Umfeld sei skandalös – die Bebauungspläne hätten sich bislang als Stückwerk offenbart.
Die Erinnerung an die Stadtgeschichte sei notwendig – hierzu würden ein Informationszentrum und ein zusammenhängendes Konzept benötigt. Dabei dürfe man Geschichte ggf. auch mal noch offen lassen. Bei der Stadtentwicklung sei die Balance zwischen der Hervorhebung der Altstadt einerseits und der Stadt der Zukunft andererseits zu wahren. Hierzu bedürfe es einer intensiven bürgerschaftlichen Diskussion im Rahmen eines offenen, transparenten und ehrlichen Verfahrens.

Für die Errichtung sowohl zeitgenössischer als auch historischer „Leitgebäude“

Albert Weingartner, Mitglied des Stadtentwicklungsausschusses der CDU, gab weitgehende Zustimmung zu André Schmitz’ Ansätzen, den Ursprung Berlins zu revitalisieren. Dies sei eine große Herausforderung, die ein Konzept erfordere, welches die Sicherung des historischen Erbes unter dem Pflaster, den Umgang mit den Funden, aber auch mit der sozialistischen Hinterlassenschaft im Stadtraum regelt.
Er sprach sich für die Errichtung sowohl zeitgenössischer als auch historischer „Leitgebäude“ aus. Den aktuellen Neubau der Rathausbrücke kritisierte er. Ein zentrales Informationszentrum sei sinnvoll, die demokratische Beteiligung an den Prozessen unstrittig.

Für eine kleinteilige Mischnutzung in Vielfalt

Henner Schmidt von der FDP ging auf die Lücke in der Stadt und im historischen Bewusstsein ein – die Spuren unter den Grünflächen und unter dem Pflaster gelte es als historisches Erbe anzunehmen.
Bei der Nutzung der Historischen Mitte müssten die Bürger eingebunden werden. Er sprach sich für eine kleinteilige Mischnutzung aus, denn kleine Parzellen bedeuteten Vielfalt. Gegenüber großflächigen Ansätzen hege er Misstrauen. Auch ein teilweiser Rückbau sei notwendig – so in der Grunerstraße. Der Petriplatz als historische Landmarke müsse erneuert werden, wie überhaupt wesentliche Leitbauten zu erneuern wären, um das „Stadtgefühl“ zu beleben. Auch Schmidt sprach von einem langen Prozess mit Bürgerbeteiligung.

Nicht die „Asche“, sondern die „Fackel“ weiterreichen!

Ellen Haußdörfer, die Sprecherin für Stadtentwicklung der SPD, stellte sich als Historikerin und Museumspädagogin vor. Bei der Identitätsstiftung gelte es, die Kiezorientierung in Berlin zu beachten.
Sie warf die Frage in den Raum, wer bei der Flächennutzungsplanung der Historischen Mitte überhaupt mitreden solle – nur die Anwohner oder auch Touristen? Die Diskussion sei noch nicht beendet, wie auch das Beispiel Gendarmenmarkt zeige. Eine weitere Frage sei, welche Straßenzüge überhaupt wiederherzustellen bzw. zu erhalten seien – etwa jene aus dem Mittelalter, aus der Gründerzeit oder aus der Nachkriegszeit? Ihr gehe es um eine Qualität der Diskussion und des gesamten Prozesses.
Der Erhalt der Funde sei unstrittig, so Haußdörfer, denn wohin solle man gehen, wenn man nicht das Woher kenne… Das Informationszentrum müsse deshalb kommen. Aber Haußdorfer wünscht sich, dass zwischen den Generationen nicht die „Asche“, sondern die „Fackel“ weitergereicht wird.

Warnung vor „falscher Reduktion der Komplexität“

Dr. Thomas Flierl, Sprecher für Stadtentwicklung der LINKEN, stellte die Frage, ob eine bestimmte historische Schicht in der Mitte Berlins herausgehoben oder aber eine historische Entwicklung aufgezeigt werden sollte. Kritisch sprach er von einer „falschen Reduktion der Komplexität“.
Es gelte, den Gründungsmythos zu hinterfragen und auch eine zeitgenössische Definition des Berliner Ortes „Mitte“ vorzunehmen, der ja ganz offensichtlich im Laufe der Zeit eine Ost-West-Ausdehnung erfahren habe.
Er teile die Empörung über den Umgang mit den Resten des Alten Rathauses. Gar spüre er als Abgeordneter eine gewisse Ohnmacht – so auch beim Beispiel neue Rathausbrücke. Entscheidungsprozesse würden leider so lange auseinandergezogen, dass kaum noch die Realisierung beeinflusst werden könne. Die Bauakademie solle als öffentlicher Bau realisiert und nicht nur einfach Investoren überlassen werden.
Einem „Themenpark Berliner Altstadt“ erteilte er eine Absage, denn die Mitte diene der ganzen Stadt – welche zentralen Funktionen dort vertreten sein sollten, müssten diskutiert werden. Daher befürwortete Dr. Flierl auch ein Informationszentrum zur Historie und Zukunft der Bürgerstadt Berlin.
Im Zusammenhang mit der erwünschten Verkehrsreduzierung in der Mitte machte er deutlich, dass hierzu ein ÖPNV-Ausbau in Form der Straßenbahn erforderlich sei und sich damit die Frage der Trassenführung stelle.

„Insel Klosterviertel“ ohne Vernetzung im Stadtraum

Moderator Hildebrand Machleidt bestätigte die unterschiedlichen Entwicklungsstränge in der Mitte – dem Klosterviertel z.B. fehle bis heute jegliche Vernetzung und stelle sich immer noch als eine Insel im Stadtraum dar.

Bürgerschaftlicher Stadtentwicklungsprozess mit bewährtem UNESCO-Managementplan

Aus dem Auditorium gab Gerhard Hoya, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft Historisches Berlin e.V., die Empfehlung, für den vielfach beschworenen bürgerschaftlichen Stadtentwicklungsprozess auf einen bewährten UNESCO-Managementplan zurückzugreifen.

Berlin – Stadt der Bürger, Arbeiter und Handwerker!

Hans Stimmann, ehemaliger Senatsbaudirektor, begrüßte diesen erstmaligen Konsens der Parteien zur Erstellung von Konzepten für die Altstadt unter Bürgerbeteiligung – den habe er damals in den 1990er-Jahren vermisst.
Für ihn gebe es nur zwei zu diskutierende Grundrisse – jenen bis 1945 und den in der DDR geschaffenen. Er sprach sich für die Bürgerstadt, die eben auch Arbeiter und Handwerker umfasse, aus; man solle weniger von „Investoren“ als vielmehr von mittelständischen „Bauherren“ sprechen.

Foto: Eckhard Grothe, Berlin

Foto: Eckhard Grothe, Berlin

1. Reihe (v.r.): Dr. Manfred Uhlitz, André Schmitz, Klaus Hartung, Hans Stimmann u.a.

Die Red. dankt Eckhard Grothe für die Bereitstellung der Fotos.

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