Zeitzeugenpreis 2011: Ehrung der Gewinner im Berliner Rathaus

Impressionen von GTIV-Präsident Dirk Pinnow

[GTIV, 25.06.2011] Die Gewinner des „Schreibwettbewerbs des Zeitzeugenpreises Berlin-Brandenburg 2011“ wurden am 22. Juni 2011 im Großen Saal des Berliner Rathauses ausgezeichnet.

Unter dem Motto „Ich bin (k)ein Berliner/Brandenburger“ zur Wettbewerbsteilnahme aufgerufen

Der Frieling-Verlag Berlin hatte als Initiator im Februar 2011 unter dem Motto „Ich bin (k)ein Berliner/Brandenburger“ zur Wettbewerbsteilnahme aufgerufen, worauf etwa 100 Beiträge eingegangen seien. Im Rahmen einer Vorauswahl wurden nach Angaben des Initiators Texte von elf Teilnehmern ausgewählt, die nun in einer Anthologie veröffentlicht werden. Nach Angaben der Beteiligten habe es in der Jury bei der Nominierung der ersten drei Plätze rege Diskussionen gegeben.

Berlin-Brandenburg als eine Region mit hoher Fluktuation

In seiner Begrüßung führte Rolf Schütte, Protokollchef des Landes Berlin und Mitglied der Jury, aus, dass es „heiße Diskussionen“ um die Siegerbeiträge gegeben habe, denn die eingereichten Texte seien von hoher Qualität geprägt. Er begrüßte ausdrücklich die zu diesem Zeitpunkt noch nicht benannten drei Sieger sowie sämtliche Teilnehmer des Wettbewerbs. Berlin-Brandenburg sei eine Region mit hoher Fluktuation; somit gelte es, auf die Geschichten, Identitäten sowie auf das Kommen und Gehen einzelner Persönlichkeiten neugierig zu machen. Dass der „Zeitzeugenpreis“ in Ehren gehalten werde, zeige auch die Auswahl des Großen Saals im Berliner Rathaus für die Preisverleihung.

Preisverleihung bewusst eine Angelegenheit von Bürgern im Öffentlichen Raum

Verleger und Initiator Dr. Johann-Friedrich Huffmann betonte, dass diese Preisverleihung bewusst eine Angelegenheit von Bürgern im Öffentlichen Raum sein solle. Ihm gehe es darum, das Bewusstsein für die Rolle der Zeitzeugen zu stärken und dabei die Vielfalt der Erfahrungen, die differenzierten Erinnerungen, ja die Grautöne der persönlich erlebten Geschichte hervorzuheben. Zukunft brauche Wurzeln, so Dr. Huffmann – daher sei Zeitzeugenschaft eben auch eine Aufgabe für jüngere Menschen.
Schreiben wirke sich vielfältig und altersabhängig auf den persönlichen Lebenslauf aus – es diene in jungen Jahren insbesondere der eigenen Persönlichkeitsentwicklung und im Alter der Weitergabe von Erinnerungen und Werten. Schreiben sei die Basis sowohl für Selbsterkenntnis als auch Dialog.
Dr. Huffmann dankte ausdrücklich allen Institutionen und Persönlichkeiten, die sich in der Region für den Erhalt des geschichtlichen Gedächtnisses engagieren – so nannte er u.a. das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv (BBWA), welches an diesem Abend von Prof. Dr. Klaus Dettmer und Björn Berghausen M.A. repräsentiert wurde, und die Stiftung Stadtmuseum Berlin, vertreten durch Dr. Franziska Nentwig. Unter den Gästen begrüßte er auch eine ganz besondere Zeitzeugin, Margot Friedländer – eine jüdische Berlinerin, die mit 88 Jahren trotz Ermordung ihrer Angehörigen im Dritten Reich aus New York nach Berlin zurückkehrte. Ihre Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung im NS-Staat, ihr Leben im Untergrund und die Verschleppung in das KZ Theresienstadt, hat sie unter dem Titel „Der Tag, an dem ich untertauchte“ aufgeschrieben und vermittelt diese heute durch Lesungen insbesondere der jüngeren Generation.

„Oral History“ heute eine wichtige Komponente in der Museumslandschaft

André Schmitz, der Berliner Staatssekretär für Kultur, ging in seiner Ansprache auf seine persönliche Annäherung an die Berliner Geschichte ein – sie sei maßgeblich durch Zeitzeugen geprägt. Er verspüre großen Respekt vor den Zeitzeugen der beiden deutschen Diktaturen, die Selbsterlebtes und eben -erlittenes schildern. „Oral History“ sei heute eine wichtige Komponente in der Museumslandschaft; gewissermaßen gehe es darum, „lebende Exponate“ in den Museen und Gedenkstätten zu haben und diese zu befragen, so lange dafür noch Zeit ist – Geschichte müsse lebendig erhalten werden! Staatssekretär Schmitz übte auch Kritik an der Berliner Mentalität – so sei Berlin in weiten Teilen eine „geschichtsvergessene Stadt“. Dem solle u.a. durch Projekte zu besonderen Jahrestagen begegnet werden, etwa durch Befragung von Zeitzeugen aus Anlass des 50. Jahrestags des Mauerbaus in Berlin am 13. August 2011 oder eine Reihe von Veranstaltungen unter dem Arbeitstitel „Zerstörte Vielfalt“ im Jahr 2013 im Rückblick auf die Zeitspanne zwischen der sogenannten nationalsozialistischen „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 und der „Pogromnacht“ vom 9. November 1938.

Die drei Preisträger des Jahres 2011:

Der dritte Preis wurde der ursprünglich aus Nicaragua stammenden Astrid Schnipkoweit zugesprochen. Seit 2010 lebt sie mit ihrer Familie in Berlin. Ihr Text ohne Titel ist von einer ironischen „Hassliebe“ zu Berlins U-Bahn geprägt – dem „Gedärm“ der Stadt. Dieses bietet ihr jedoch Orientierung im Stadtraum, in dem sie sich immer wieder mal an die Oberfläche wagt. Neu-Berliner brächten viel Hoffnung mit – und hätten Sehnsucht im Gepäck. Sie wirft die Frage auf, für wie viele Berlin zum Neuanfang werde und für wie viele zur Endstation…
Auf den zweiten Platz gelangte Klaus J. Rothbarth, der unter dem Titel „Brückenbeziehungen – oder der Versuch, in Brandenburg anzukommen“ die Erfahrungen eines West-Berliners notierte, die er bei der Annäherung an die damalige DDR-Kulturlandschaft kurz nach der Maueröffnung im Brandenburger Umland machte. Dort fand er viele neue Freunde unter Malern, Kabarettisten und Musiker…
Die Autorin Krystyna Reemer, unter dem Pseudonym „Krysia Sar“ publizierend, erhielt den ersten Preis – und damit die Skulptur „Buch der Erinnerung“ des Metallkünstlers Achim Kühn als Auszeichnung zuerkannt. Ihr ausgezeichnetes Werk „Evas Freund, der Leonard oder Eine russische Seele in Berlin“ beschreibt die Ambivalenz des Heimatverständnisses eines jüdischen Russen, der von Berlin aus sehnsüchtig in die alte Heimat, Moskau, zurückblickt und doch auch etwas Stolz über seine neue Heimat Berlin verspürt. Doch wird er von einer „verdammten Sehnsucht“ nach Zugehörigkeit verfolgt – und bleibt so in einer emotionalen Zwischenwelt gefangen…

FrielingVerlag auf YouTube, 24.06.2011

Zeitzeugenpreis Berlin-Brandenburg 2011

Zeitzeugenberichte sind virtuelle Vermögenswerte!

„Zeitzeugenberichte sind virtuelle Vermögenswerte, die es zu dokumentieren, auszuwerten und weiterzugeben gilt“, betont Dirk Pinnow, Präsident der Gesellschaft für Transfer immateriellen Vermögens e.V. (GTIV) und Vorstandsmitglied des Vereins für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865 (VfdGB). Es sei nunmehr bereits eine Generation junger Erwachsener mit der Zeitgeschichte der deutschen Teilung konfrontiert, die sie selbst – zumindest nicht bewusst – nicht miterlebt habe. In Analogie etwa zur Numismatik oder Philatelie seien Nachkriegszeit, Teilung und Wiedervereinigung gewissermaßen ein „abgeschlossenes Sammelgebiet“ der Zeitgeschichte.
Die „Oral History“ müsse aber in einen geschichtlichen Gesamtkontext gestellt werden – und dazu gehörten auch zwingend die materiellen Datenträger als Informationsquellen für die Forschung, also konkret archäologische Funde und Archivalien. Auch diesen werde vielfach mit Ignoranz begegnet, wie das aktuelle Beispiel der noch weitgehend offenen Frage des Umgangs mit den z.T. mittelalterlichen Funden im Berliner Stadtkern oder des schleichenden Verfalls der Papier-Archivalien in erschreckender Weise zeigten, kritisiert Pinnow, ebenfalls Herausgeber des Webzines „datensicherheit.de“. Aus gutem Grund habe Dr. Huffmann eingangs betont, dass die Zukunft Wurzeln brauche. „Das Bewusstsein für die Rolle der Geschichte als Werte-, Wissens- und Erfahrungsquelle, als ,Kristallisationspunkt’ für Identität sowie warnende Wegleitung in die Zukunft, muss ganzheitlich gedacht werden!“ Es gelte, im Interesse kommender Generationen das historische Erbe in all seiner Vielfalt zu erforschen, zu dokumentieren und zu transferieren – dazu müssten die materiellen wie immateriellen Quellen geborgen und erhalten werden, denn all diese seien unschätzbare Vermögenswerte, so Pinnow.

Weitere Informationen zum Thema:

Zeitzeugen Berlin, 23.06.2011
Geschichten aus der Geschichte / Zeitzeugenpreis 2011

Frieling-Verlag Berlin, 23.06.2011
„Evas Freund“ gewinnt den Zeitzeugenpreis 2011

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