Automatenrestaurants und KORSCH-Tablettenpressen im Fokus

Notizen vom 23. IndustrieKulturAbend am 15. November 2019

[GTIV, 10.02.2020] Die 23. Auflage der vom Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv e.V. (BBWA) in Kooperation mit dem Verein für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865 (VfdGB) und mit Unterstützung der GTIV u.a. durchgeführten IndustrieKulturAbende (IKA) war vor allem der Frage gewidmet, wie die KORSCH AG als sogenannter Hidden Champion in Berlin eine 100-jährige Geschichte schreiben konnte. In seiner Begrüßung betonte BBWA-Geschäftsführer Björn Berghausen M.A. nämlich, dass selbst für Unternehmen ein 100-jähriges Jubiläum beachtlich sei, denn den Statistiken für mittelständische Unternehmen zufolge schafften dies nur acht Prozent. Heute seien eher acht bis zehn Jahre eine „typische Lebensdauer“ für die sogenannten KMU. Vor Beginn des Hauptvortrags wurde der „Preis für Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsgeschichte 2019“ verliehen.

„Zu Gast im Automaten“ – Alwin Cubasch ausgezeichnet

Alwin Cubasch wurde der Preis für das Jahr 2019 zuerkannt. Seine ausgezeichnete Studie beschreibe exemplarisch eine technische Innovation und deren Auswirkungen auf den Alltag im urbanen Raum. In seiner Laudatio mit dem Motto „Zu Gast im Automaten“ stellte Prof. Dr. Klaus Neitmann, Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Cubaschs Arbeit vor. Demnach entwickelte sich in Gastronomie-Betrieben am Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker der Trend zu einer „Massenspeisung“.

So wurde seit den 1890er-Jahren eine spezielle Technik entwickelt, welche schließlich erfolgreich den Weg frei machte für erste Automaten-Restaurants: Getreu der Devise „Zeit ist Geld“ wurde auf Selbstbedienung gesetzt – die Angebote seien „sehr fleischlastig“ gewesen. Die Automaten mit Jugendstil-Anmutung wurden mechanisch bzw. auch elektrisch betrieben und sollten den Kellner ersetzen. Die Industrie habe Ernährungsgewohnheiten verändert – so seien damals eben „mit Fleisch belegte Massenbrötchen“ sehr beliebt gewesen. Die Firma STOLLWERCK wiederum habe gar eine eigene Automatengesellschaft gegründet, um ihre Schokoladen zu vertreiben.

Der „Zauber“ und damit der Erfolg seien indes schnell nach bereits einem Jahrzehnt verflogen – nach dem Ersten Weltkrieg seien diese ersten Automaten-Restaurants wieder aus den deutschen Städten verschwunden. Diese einst als „Zukunftsrestaurants“ gepriesenen Gastronomie-Einrichtungen seien somit ein „Zukunftsentwurf ohne Zukunft“ gewesen. Der raschen Expansion sei ein ebenso rascher Zusammenbruch gefolgt – somit geradezu ein historisches Lehrstück für einen ökonomischen Aufschwung und Niedergang.

Der Verheißung „schneller – besser – hygienischer“ habe die Störanfälligkeit gegenüber gestanden, so dass vermehrt Aufsichtspersonal benötigt worden sei. Die Lebensmittelknappheit am Ende des Krieges und in der Zeit danach habe auch zu einer Preissteigerung geführt und Probleme mit Münzprüfern hätten sich eingestellt. Kritisch gesehen worden sei auch die Unpersönlichkeit – so sei kein Wirt etwa zur Beschwerdeannahme verfügbar gewesen.

Jubiläum als Chance, gegenüber allen Stakeholdern glaubhaft geschichtsbewusst aufzutreten

Michael Dillmann von der Agentur Jubeljahr erläuterte im Hauptvortrag mit dem Titel „Wie fühlt es sich an 100 Jahre alt zu sein?“ der Werdegang der KORSCH AG mit seinen Höhen und Tiefen. Als Theaterwissenschaftler habe er sich einer dramaturgischen Gestaltung verschrieben – und lud ein zu einer „Zeitreise“ durch einhundert Jahre Industriegeschichte.

Ein solches Jubiläum zu feiern sei eben eine Chance, gegenüber allen Stakeholdern glaubhaft geschichtsbewusst aufzutreten. Er sei drei Jahre vorab engagiert worden. Normalerweise würden im Rahmen eines solchen Auftrags Teilprojekte auf Basis der Materialien des Unternehmensarchivs konzipiert werden – aber bei KORSCH habe es dieses nicht gegeben. So sei zunächst mit Unterstützung des BBWA ein Archiv aufgebaut worden. Hierzu habe er „Streifzüge“ durch das Unternehmen gemacht, um passende Archivalien aufzuspüren und einzusammeln – er habe noch aktiven und auch ehemaligen Mitarbeitern den Sinn einer solchen Sammlung erläutert, um deren Unterstützung zu gewinnen. Das so geschärfte Bewusstsein habe dann zur Aushändigung von Fundstücken geführt.

Für das Jubiläum sei auch ein Film produziert worden, um die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten der Pressen darzustellen – diese kämen neben der Produktion von Tabletten auch für Nahrungsmittel, Kosmetik, Waschmittel, Tierfutter, Tuschkästenfarben u.a. zum Einsatz. Ziel sei es gewesen, dass sich die Mitarbeiter mit KORSCH identifizieren und ihre Motivation gestärkt wird, Vertrauen bei den Kunden zu verstärken und in der Öffentlichkeit das Wissen zu verbreiten. Es gehe darum, authentische Geschichten zu erzählen – wo nötig indes sich passend der Phantasie zu bedienen. Entwickelt worden sei ein „nonlineares Chronik-Konzept“: Im Jubiläumsbuch mit 400 Seiten, Auflage 5.000 Stück, seien 100 Geschichten zu finden. So habe z.B. Emil Korsch 1843 die erste Tablettenpresse aus Großbritannien bezogen.

Auch die NS-Zeit sei bewusst sehr gründlich untersucht worden – im Zweiten Weltkrieg habe KORSCH als „kriegswichtig“ gegolten. Nach Kriegsende sei es zu Demontagen gekommen. Mit der Sitzverlegung von Weißensee im Sowjetsektor nach Wittenau in die Roedernallee im damaligen französischen Sektor sei die räumliche Nähe zu SCHERING genutzt und eine enge Kooperation betrieben worden. Zudem habe man im Laufe der Jahre das Einsatzgebiet um Treibsätze für Silvesterraketen, Airbag-Patronen und VARTA-Batterien erweitert. Unter der Geschäftsführung von Wolfgang Korsch, dem Enkel des Gründers, habe man dann den Neubau in Borsigwalde errichtet. Jedoch hätten die Maueröffnung und die Deutsche Einheit wirtschaftliche Probleme mit sich gebracht und fast zur Pleite geführt.

Dann sei Eckard Strohscheer gekommen und habe KORSCH einen Kredit gegeben sowie sämtliche Verbindlichkeiten übernommen, so dass KORSCH ein Familienunternehmen bleiben konnte. Im Zuge der Übernahme der Geschäftsführung durch Strohscheers Tochter und ihren Mann, Dipl.-Ing. Stephan Mies, sei die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft erfolgt. KORSCH habe expandieren und Niederlassungen in Boston (USA) und Mumbai (IND) eröffnen können.

Abschließend warf Dillmann – in dem Wissen, dass morgen heute schon gestern ist – die Frage auf, ob es Tabletten auch in Zukunft noch geben wird. Werden Tabletten immer da sein oder eine individuelle Medikation in Zukunft das Geschäftsmodell bedrohen? Auch solchen Fragen widme man sich bei KORSCH. Ungeachtet der Zukunft habe man aber am 20. September 2019 mit 1.000 Gästen aus 44 Ländern das große Jubiläum gefeiert. In seiner Ansprache habe Stephan Mies betont: „Nur Unternehmen, die sich auf ihre Geschichte besinnen, haben Perspektive!“

Weitere Informationen zum Thema:

Marketing4D auf YouTube, 07.01.2020

Holovision 100 Jahre KORSCH AG

KORSCH
100 YEARS 1919-2012 / CELEBRATING TABLETS

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